Demokratische Werte in der Schule: so werden sie greifbar

Welche Werte eine Demokratie trägt, warum gemeinsame Werte die Basis sind und wie deine Klasse daraus eine Charta macht, die im Alltag und im Streit hält.
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Jugendliche hängen Wertekarten für ihre Klassen-Charta an die Wand: demokratische Werte in der Schule

Demokratische Werte sind die Grundwerte, auf denen unser Zusammenleben steht: allen voran die Menschenwürde, dazu Freiheit, Gerechtigkeit, Respekt und Verantwortung. In der Schule werden sie greifbar, wenn eine Klasse ihre Werte selbst findet, sie in eigene Sätze übersetzt und sich im Streit darauf beruft. Ein Plakat mit schönen Begriffen an der Wand reicht dafür nicht.

In diesem Artikel zeige ich dir, welche Werte eine Demokratie trägt, was unsere Studie dazu sagt und wie du mit deiner Klasse aus einzelnen Wörtern eine Verabredung machst, die im Alltag hält. Die Abläufe stammen aus unseren Schul-Anleitungen, die wir für Lehrkräfte geschrieben haben.

Welche Werte trägt eine Demokratie?

Fang beim Grundgesetz an. Artikel 1 beginnt mit dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das ist der oberste Wert, an dem sich alles andere festmacht. Jeder Mensch hat dieselbe Würde, und der Staat hat sie zu schützen.

Spannend wird es, wenn man Menschen direkt fragt, was ihnen wichtig ist. Im August 2023 haben wir für „Die WERTvollste Studie Deutschlands“ 1.000 Menschen in Deutschland gefragt, wie wichtig ihnen 32 verschiedene Werte sind. Ganz vorne im Gesamtranking landen Gesundheit, Familie und Gerechtigkeit. Respekt steht auf Platz 6, Freiheit auf Platz 8.

In der Auswertung werden die wichtigsten Werte der Deutschen, also Familie, Gesundheit, Sicherheit, Treue, Gerechtigkeit, Freiheit und Respekt, unter einem Begriff zusammengefasst: Menschenwürde. Das finde ich einen schönen Gedanken. Was die Leute im Alltag für wichtig halten, und was ganz oben im Grundgesetz steht, liegt gar nicht so weit auseinander. Die ganze Auswertung gibt es unter Die Werte der Deutschen.

Grundwerte der Demokratie, für Kinder erklärt

Mit Kindern und Jugendlichen musst du nicht mit Staatskunde anfangen. Du kannst die Grundwerte in Sätze übersetzen, die jeder versteht. Zum Beispiel so:

  • Menschenwürde: Jeder Mensch ist gleich viel wert, egal woher er kommt und was er kann.
  • Freiheit: Du darfst deine Meinung sagen. Die anderen dürfen das auch, selbst wenn dir ihre Meinung nicht passt.
  • Gerechtigkeit: Eine Regel gilt für alle gleich, auch für die Lauten und die Beliebten.
  • Respekt: Ich lasse den anderen ausreden und mache mich nicht über ihn lustig, auch wenn ich anderer Meinung bin.
  • Verantwortung: Wenn ich mitentscheide, stehe ich auch für das ein, was wir beschlossen haben.

Das sind Beispiele, keine fertigen Definitionen. Viel stärker wird es, wenn die Klasse solche Sätze selbst schreibt. Dazu gleich mehr.

Warum gemeinsame Werte die Basis sind

Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedlich denken und trotzdem zusammenbleiben. Dafür braucht es etwas, worauf sich alle verständigen können. Unsere Studie sagt dazu sehr klar: Viele Deutsche teilen ähnliche Werte, und das schafft ein Gefühl von Identität und Zusammenhalt. Diese geteilten Werte nennt die Auswertung eine stabile Basis für eine demokratische Gesellschaft.

Gleichzeitig hat jeder Mensch und jede Gruppe eine eigene Werteorientierung. Die Studie beschreibt auch, dass es dann zu Spannungen kommt, wenn Werte in ganz verschiedene Richtungen priorisiert werden. Und sie nennt die Herausforderung, Werte zu verteidigen, vor allem wenn demokratische Prinzipien bedroht sind.

Für die Schule heißt das ehrlich gesagt eine ganze Menge. Eine Klasse ist so etwas wie eine kleine Gesellschaft. Da sitzen 25 oder 30 junge Menschen mit ganz unterschiedlichen Werten in einem Raum, jeden Tag, ob sie wollen oder nicht. Wer dort lernt, mit diesen Unterschieden umzugehen, übt Demokratie, ganz praktisch und ohne Tafelbild.

Wertebewusstsein schützt vor Manipulation

Ein Punkt aus der Studie ist mir besonders wichtig. Wer sich seiner persönlichen Werte bewusst ist, entwickelt eine innere Stärke. Diese Stärke macht widerstandsfähig gegen Manipulation von außen, beispielsweise durch Werbebotschaften oder politische Parolen. Man kennt seinen Weg, ist weniger werbeanfällig und lässt sich auch in Krisenzeiten nicht so leicht verunsichern.

Jugendliche bekommen jeden Tag Botschaften aufs Handy, die an ihre Gefühle appellieren. Wer weiß, was ihm wichtig ist, kann sich bei so einer Botschaft eine einfache Frage stellen: Passt das eigentlich zu dem, was mir wichtig ist? Wer seine Werte nicht kennt, hat diese Frage gar nicht zur Hand.

Deshalb fängt Demokratiebildung für mich beim Einzelnen an. Erst wenn jede und jeder weiß, was ihm wichtig ist, kann eine Klasse sinnvoll darüber reden, was ihr gemeinsam wichtig ist.

So werden demokratische Werte in der Klasse greifbar

In unseren Schul-Anleitungen ist das ein Weg in Etappen, den du gut über ein Schuljahr verteilen kannst. Am Anfang stehen die eigenen Werte, daraus baut die Klasse ihre gemeinsame Charta.

Etappe 1: Jede und jeder findet die eigenen Werte

Fang mit einer Frage an, die alle beantworten können: Was hat dich in den letzten Tagen richtig geärgert? Sammelt die Antworten kurz und ungefiltert. Dann kommt der Satz, um den sich alles dreht: Hinter jedem Ärger steckt etwas, das dir wichtig ist. Wen Ungerechtigkeit ärgert, dem ist Gerechtigkeit wichtig.

Danach spielt jede und jeder mit Wertekarten für sich, in Vierergruppen an einem Tisch. Immer zwei Karten, die wichtigere bleibt, bis am Ende acht Werte übrig sind. Die acht kommen auf einen Zettel, und der Zettel gehört der Person. Wie so eine Stunde im Detail laufen kann, liest du in Unterrichtsmaterial für Werte in der Schule.

Etappe 2: Die Klassen-Charta

Jetzt wird aus vielen Wertelisten eine gemeinsame, so etwas wie das Grundgesetz eurer Klasse. Plan dafür eine Doppelstunde ein.

  1. Sammeln. Alle Wertezettel kommen ungeordnet und ohne Namen an die Wand. Die Klasse steht eine Minute davor, dann fragst du: Was fällt euch auf?
  2. Gruppieren. Die Schülerinnen und Schüler schieben selbst zusammen, was zusammengehört. Zwei, drei gehen nach vorne, der Rest ruft dazwischen. Das wird laut, und das darf es.
  3. Ein Wort pro Gruppe. Erst Vorschläge sammeln, noch nichts entscheiden. Erlaubt ist auch ein englisches oder ein erfundenes Wort.
  4. Ein Satz pro Wort. Kleingruppen von drei bis vier Leuten einigen sich auf ein Wort und schreiben einen Satz, was es in dieser Klasse konkret heißt. Was man tut und was man lässt.
  5. Zusammenführen. Jede Kleingruppe stellt ihren Satz vor. Die Klasse darf nachfragen, aber nicht einfach umschreiben. Wer etwas ändern will, muss begründen, warum der Satz so nicht stimmt.

Ein Satz aus unserer Anleitung, wie das klingen kann: „Zusammenhalt heißt bei uns, dass in der Pause niemand allein steht, der nicht allein sein will.“

Mir gefällt an diesem Ablauf, wie viel Demokratie da drinsteckt, ohne dass das Wort einmal fällt. Ähnliche Begriffe wie Respekt, Fairness und Gerechtigkeit werden zusammengefasst und treten nicht gegeneinander an. Änderungen brauchen eine Begründung. Und du als Lehrkraft hältst dich beim Sortieren so weit es geht raus. Sobald du sagst, welche Wörter zusammengehören, ist es deine Charta und nicht mehr die der Klasse.

Damit die Charta länger hält als bis zu den nächsten Ferien, hängt ihr sie so auf, dass sie im Unterricht im Blick ist. Und ihr legt gleich fest, wann ihr sie euch wieder anguckt, zum Beispiel vor den Herbstferien und im Frühjahr. Wie aus so einer Charta konkrete Klassenregeln werden, beschreibt der Artikel Klassenregeln mit Wertedialog entwickeln.

Etappe 3: Kleine Formate für den Alltag

Ein Papier an der Wand allein verändert nichts. Unsere Anleitung schlägt kurze Rituale vor, keins länger als 15 Minuten. Nimm eins und mach es sechs Wochen lang. Zwei davon passen besonders gut zum Thema Demokratie.

Werte Check-in. Täglich, zwei bis drei Minuten zum Stundenbeginn. Du erinnerst in einem Satz an einen Wert aus der Charta und stellst eine Ja-Nein-Frage, etwa: Habt ihr euch gestern über etwas geärgert, das unfair war? Alle antworten gleichzeitig mit Daumen hoch oder runter. Niemand wird aufgerufen, niemand muss reden. Du sagst einen Satz zu dem, was du siehst, und machst mit dem Unterricht weiter.

Werte in der Praxis. Einmal pro Woche, 15 Minuten. Das ist so etwas wie ein kleiner Klassenrat zu einem Wert. Ihr nehmt einen Wert aus der Charta und einen echten Fall aus dem Schulalltag, zum Beispiel eine Gruppenarbeit, in der zwei alles gemacht haben und zwei nichts. Dann gibt es nur eine Frage: Was müssten wir vereinbaren, damit das häufiger passiert? Oder seltener? Die Klasse leitet daraus eine Handlung ab, also etwas, das man ab jetzt tun kann. Das fühlt sich für Jugendliche ganz anders an als ein weiteres Verbot.

Und wenn ein Ritual nach drei Wochen alle nervt, hör damit auf und nimm ein anderes. Ziehst du es trotzdem durch, verdirbt das der Klasse die ganze Wertearbeit.

Schüler, Eltern und Kollegium im Valueverse-Modell

Eine Klasse ist der Anfang. Zu einer Schule gehören aber auch die Eltern und das Kollegium, und die bringen ihre eigenen Werte in jeden Elternabend und jede Konferenz mit. Im Valueverse-Modell kann eine ganze Schulgemeinschaft ihre Werte nebeneinander sehen. Dafür landet jeder Wert in einem von vier Wertetypen mit eigener Farbe. Orange heißt Sicherheit, Pink Beziehung, Blau Veränderung, Grün Erfüllung. Ausführlich erkläre ich die vier in Was sind Werte?

Schlag mal die demokratischen Werte von oben in unserer Werteliste nach. Gerechtigkeit und Respekt stehen dort bei Orange, Würde bei Pink, Verantwortung bei Blau und Freiheit bei Grün. Eine Demokratie holt sich ihre Werte also aus allen vier Bereichen, so wie eine Schule, an der ganz verschiedene Menschen jeden Tag miteinander auskommen.

Als Methode kann das so laufen: Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte finden zuerst jede und jeder für sich die eigenen Werte, mit dem Wertespiel oder im kostenlosen Wertetest. Dort bekommst du am Ende deinen V-Code, also deine persönliche Mischung aus den vier Farben. Danach legt jede Gruppe ihre Werte ohne Namen zusammen, und ihr schaut, welche Farben bei wem kräftig sind.

  • Wo sich alle treffen, liegt eure gemeinsame Basis.
  • Wo eine Gruppe eine Farbe stark besetzt und eine andere kaum, habt ihr Stoff für den nächsten Elternabend oder die Schulkonferenz.

Stell dir zum Beispiel vor, im Kollegium liegt viel Orange, etwa Ordnung und Pünktlichkeit, und bei den Jugendlichen viel Pink und Grün, etwa Freundschaft und Freiheit. Dann hat der Streit um die Handyregel, der jedes Jahr wiederkommt, auf einmal eine Erklärung. Beide Seiten haben gute Gründe für ihre Farbe. Aus der Basis und den Unterschieden schreibt ihr dann einen gemeinsamen Wertekompass für die ganze Schule, so wie die Klasse ihre Charta. Gezeigt wird dabei nur das Gruppenbild, keine einzelnen Ergebnisse.

Streit in der Klasse ist oft ein Wertekonflikt

Demokratie heißt auch, Streit auszuhalten. Fast jeder Streit in einer Klasse läuft nach demselben Muster: Einer nervt, der andere ärgert sich, und beide halten den anderen für das Problem. Dahinter stecken meistens zwei Werte, die gerade nicht zusammenpassen. In unserer Anleitung machen wir das mit dem Wertequadrat sichtbar.

Wichtig: Übe das beim ersten Mal mit einem Fall von außen, nie mit einem laufenden Streit. Stell dir zum Beispiel vor, bei einer Gruppenarbeit hält einer stur an seinem Plan fest, und eine andere will alles immer wieder neu denken.

  1. Der eigene Wert. Was genau wird bei der Person verletzt, die sich ärgert? Vielleicht Kreativität oder Offenheit. Die Karte kommt an die Tafel.
  2. Das harte Wort. Wie nennt sie das Verhalten des anderen? Stur. Das darf ruhig hart sein, schreib es auf.
  3. Der Wert des anderen. Wenn man freundlich draufguckt, was könnte ihm wichtig sein? Hinter stur steckt oft Standfestigkeit. Auch diese Karte kommt an die Tafel.
  4. Der eigene Schatten. Wie wirkt der erste Wert, wenn man ihn übertreibt? Aus Offenheit wird dann vielleicht Beliebigkeit. Jetzt stehen zwei Werte und zwei Übertreibungen an der Tafel.
  5. Die Mitte. Was wäre ein Umgang, in dem beide Werte vorkommen? Die Frage, wer recht hat, spielt dann keine Rolle mehr.

Der Satz, um den es am Ende geht, lautet: Was mich am anderen nervt, ist meistens etwas, das ich mir selbst nicht erlaube. Sag ihn bitte erst zum Schluss. Zu früh gesagt klingt er wie ein Vorwurf an den, der sich geärgert hat.

Wenn du das Quadrat später auf einen echten Fall anwendest, gelten ein paar Regeln aus unserer Anleitung. Beide Beteiligten müssen einverstanden sein. Es geht immer um das Verhalten, nie um die Person. Und Mobbing ist kein Wertekonflikt. Da gibt es ein Machtgefälle, und die Betroffenen brauchen Schutz. Das Wertequadrat ist dafür das falsche Werkzeug.

Weitere Ideen für Wertegespräche in der Klasse findest du in Wertedialoge im Unterricht wirksam gestalten.

Was du dafür brauchst

Du brauchst Wertekarten, Zettel, Stifte und eine freie Wand. Für Lehrkräfte haben wir das Coaching Set zusammengestellt, mit mehreren Kartensets für die Arbeit mit Gruppen. Wenn du tiefer einsteigen willst, was Werteorientierung im Alltag bedeutet, schau auf unsere Themenseite Werteorientierung. Über 200 Werte mit ihrer Bedeutung findest du in unserer Werteliste.

Mein Tipp zum Schluss: Mach nicht alles auf einmal. Eine Charta und ein einziges Ritual, das wirklich läuft, bringen deiner Klasse mehr als zehn Plakate über Demokratie. Lass uns die Welt wertvoller machen, gern auch eine Klasse nach der anderen.

Häufige Fragen

Was sind demokratische Werte, einfach erklärt?

Demokratische Werte sind die gemeinsamen Grundwerte, die ein freies Zusammenleben möglich machen. An erster Stelle steht die Menschenwürde aus Artikel 1 des Grundgesetzes. Dazu kommen Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Respekt und Verantwortung. Kindern kannst du sie in einfachen Sätzen erklären, etwa: Jeder Mensch ist gleich viel wert, und eine Regel gilt für alle gleich.

Was hat die Menschenwürde mit unseren persönlichen Werten zu tun?

Eine ganze Menge. In der Auswertung unserer Studie mit 1.000 Befragten werden die wichtigsten Werte der Deutschen, darunter Familie, Gesundheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Respekt, unter dem Begriff Menschenwürde zusammengefasst. Was Menschen im Alltag wichtig ist, und was im Grundgesetz ganz oben steht, hängt also eng zusammen.

Ab welchem Alter kann eine Klasse an demokratischen Werten arbeiten?

Unsere Schul-Anleitungen für den Projekttag und die Klassen-Charta sind ab etwa 10 Jahren gedacht. Das Wertequadrat für Streit in der Klasse empfehlen wir ab 12. Für Jüngere kürzt du das Kartendeck und nimmst abstrakte Wörter raus, die ein Kind in dem Alter noch nicht erklären könnte.

Mehr zum Thema: Alles zu Werteorientierung findest du auf unserer Themenseite.

Geschrieben von Hendrik Martens, Systemischer Business Coach und Erfinder des Valueverse.