Werte im Alltag leben: vom Erkennen ins Tun
Werte im Alltag leben heißt: Du übersetzt einen Wert so lange, bis eine kleine Handlung dabei rauskommt, die du diese Woche wirklich tun kannst. Dafür klärst du, was der Wert für dich bedeutet und woran du merkst, dass du ihn lebst. Danach legst du eine kleine Handlung fest. Erst damit kommt der Wert aus dem Kopf in deinen Tag.
Du hast deine Werte gefunden. Vielleicht mit Karten am Küchentisch, vielleicht mit einem Test. Da liegen jetzt acht Wörter vor dir, und eins davon fühlt sich richtig groß an. Und dann? Dann kommt der Montag, und der Montag fragt nicht nach deinen Werten.
Eine Käuferin hat uns in einer Umfrage diese Frage gestellt: „Was bedeutet Freiheit für mich in der Partnerschaft? Wie lebe ich sie?“ In den Umfragen ist das die größte offene Frage nach dem Spiel. Ich sage dazu gern: Werte kennen und Werte leben sind zwei verschiedene Paar Schuhe. „Leb nach deinen Werten“ liest man überall. Wie das am Dienstagnachmittag aussieht, steht selten dabei.
In der WERTvollsten Studie Deutschlands mit 1.000 Befragten nennen 67 % Gesundheit „sehr wichtig“. Gesundheit steht damit auf Platz eins. Ob die Leute danach leben, hat die Studie nicht gefragt. Du kennst die Antwort trotzdem, wenn du an deinen letzten Abend auf dem Sofa denkst, ne? Wichtig finden und leben liegen oft ein ganzes Stück auseinander.
Wenn du noch gar nicht weißt, welche Werte deine sind, fang dort an: Welche Werte sind mir wichtig? Dieser Artikel hier setzt danach an.
Im Valueverse-Modell stellen wir dazu eine ganz einfache Frage: Wie stark spürst du diesen Wert in deinem Leben? Ein Wert kann dir total wichtig sein und trotzdem kaum gelebt werden. Ich kenne das von mir selbst. Freiheit habe ich mir als Kernwert erspielt, das bin so ich. Und gleichzeitig habe ich gemerkt: Ich spür's grad gar nicht, aber ich will dahin.
Dieser Abstand zwischen wichtig und gelebt ist der Punkt, den du körperlich merkst. Unruhe zum Beispiel, oder das Gefühl, irgendwie am eigenen Leben vorbeizulaufen. Das ist eine Information. Sie sagt dir, wo du hinschauen darfst.
Mach dazu einen kurzen Check. Nimm deine wichtigsten Werte und gib jedem eine Zahl von 1 bis 10: Wie stark lebe ich das gerade? Der Wert mit dem größten Abstand zwischen „ist mir wichtig“ und „lebe ich“ ist dein Startpunkt für die Übung.
Für die Übung brauchst du zehn Minuten, einen Zettel und einen einzigen Wert. Wenn du alle acht auf einmal angehst, bleibt meistens keiner hängen.
Stell dir als Beispiel die Käuferin mit der Freiheit in der Partnerschaft vor. Schritt zwei könnte bei ihr heißen: „Freiheit bedeutet für mich, dass ich über einen Teil meiner Zeit selbst entscheide, ohne mich zu erklären.“ Schritt drei: „Ich merke es, wenn ich einen Abend habe, an dem ich etwas für mich mache und kein schlechtes Gewissen spüre.“ Schritt vier: „Am Donnerstag sage ich beim Abendessen, dass ich mir ab nächster Woche jeden Dienstagabend für mich nehme.“ Diese Handlung hängt nur an ihr selbst. Sie wartet nicht darauf, dass ihr Partner sich ändert.
Abends schreibst du zwei Zeilen dazu, was passiert ist. Zwei Zeilen reichen völlig. Das kommt aus meinem Coaching-Material, und die Begründung ist schön ehrlich: Zwei Zeilen sind Absicht, drei Seiten hält niemand durch.
Manchmal merkst du einen Wert erst, wenn er fehlt. Im Valueverse sind deine Werte so etwas wie eine Betriebsanleitung für dich. Und wie bei jeder Betriebsanleitung schaut man meistens erst rein, wenn etwas hakt. Der Stress ist oft das Signal.
Ein paar Anzeichen, auf die du achten kannst:
Eine gute Prüffrage für deine Grundwerte ist diese: Wenn dieser Wert nicht erfüllt wäre, würde mich das massiv blockieren und mir Energie rauben? Ist die Antwort ein klares Ja, gehört der Wert zu deinem Fundament. Und dann lohnt es sich, ihn im Alltag zu schützen.
Ich habe dafür eine kleine Übung, die ich Coaches mitgebe und die du genauso allein machen kannst. Nimm eine Wertekarte mit, und zwar die, an der es geknirscht hat. Achte eine Woche lang auf eine Situation, in der dieser Wert angeklopft hat. Egal, ob du danach gehandelt hast oder nicht. Dann fragst du dich: Was genau war die Situation? Wo war ich, wer war noch da? Wie habe ich gehandelt? Und was hat mich davon abgehalten, anders zu handeln? Die letzte Frage ist die eigentliche Arbeit. Was dich abhält, ist meistens ein anderer Wert.
Richtig praktisch wird diese Betriebsanleitung, wenn du deinen V-Code kennst. Der zeigt dir, aus welchen Werten du deine Kraft ziehst und zu welchem der vier Wertetypen sie gehören. Und die Typen erklären ziemlich gut, warum dich manche Situationen auslaugen und andere dich richtig hochziehen.
Stell dir zwei Kolleginnen in derselben Woche vor. Bei der einen liegen vor allem blaue Werte, Abwechslung und Neugier zum Beispiel, beides Veränderung. Bei der anderen dominiert Orange mit Struktur und Sorgfalt. Am Montag kommt die Nachricht, dass das Projekt komplett umgeworfen wird. Die eine blüht auf und hat sofort zehn Ideen. Die andere liegt nachts wach. Empfindlich ist da keine von beiden, ihre V-Codes reagieren einfach auf dieselbe Lage. Wenn du deinen kennst, siehst du solche Wochen kommen und holst dir rechtzeitig, was dir fehlt. Die eine braucht dann einen klaren Plan, die andere Spielraum.
Und noch ein Gedanke aus dem Valueverse: Jeder Wert hat einen Schatten. Zuverlässigkeit kann zum Beispiel zur reinen Pflicht werden, Harmonie zum Schweigen um jeden Preis. Wenn du merkst, dass du einen Wert nur noch in seiner verkrampften Form lebst, ist die Verbindung zu seiner guten Seite dünn geworden.
Im Alltag rutschst du meistens unter Druck in den Schatten. Abwechslung wird dann zur Unruhe, du fängst fünf Sachen an und bringst keine zu Ende. Sorgfalt kippt in Pedanterie, und plötzlich liest du dieselbe Mail zum vierten Mal. Nimm das als Warnlicht: Dein Wert läuft gerade auf Reserve. Frag dich in so einem Moment, was die helle Seite des Werts jetzt bräuchte, und such dir dafür eine kleine Handlung wie in der Übung oben. Welche Werte in deinem V-Code stecken, findest du im kostenlosen Wertetest heraus.
Aus dem Wertespiel kommt am Ende dein Wertekompass mit acht Werten. Oben steht dein Lebenswert, dein Nordstern. Dazu kommen deine Superkräfte, ich sage auch Power Values: die Werte, die dir Energie geben und mit denen du losgehst. Und deine Grundwerte, die Core Values. Das sind deine Leitplanken. Ohne sie fehlt dir der Boden unter den Füßen.
Die Reihenfolge ist wichtig. Ohne die Leitplanken kommst du nicht an deine Superkräfte, und ohne die kommst du nicht zum Nordstern. Wenn bei dir im Alltag etwas klemmt, guck zuerst, ob unten ein Grundwert fehlt. Das können zum Beispiel Ruhe oder Gesundheit sein, wenn sie gerade keinen Platz haben.
Für Ziele nutze ich sogenannte Super-SMART-Ziele. Das Ziel ist konkret und hat ein Datum, so wie du das von SMART kennst. Zusätzlich lädst du es mit deinen Power Values auf, und du formulierst es nur über dein eigenes Verhalten. Nie über das, was andere tun sollen. „Bis Ende des Monats habe ich die drei Gespräche geführt“ ist ein Ziel. „Mein Chef soll mich endlich sehen“ ist ein Wunsch an jemand anderen.
Ein Beispielsatz aus meinem Coaching-Material zeigt, wie das klingt, wenn alles zusammenkommt: „Ich strebe mit Begeisterung und Kreativität nach Freiheit, um mich wieder mit meiner Familie verbunden zu fühlen.“ Dein Satz muss aus deinen eigenen Worten kommen. Häng ihn an den Spiegel oder steck ihn ins Portemonnaie. Sonst liest du ihn nach einer Woche nicht mehr.
Und noch ein Tipp aus der Anleitung zum Wertespiel: Der Lebenswert fühlt sich oft schwer an. Schwer zu erreichen, schwer umzusetzen. Nimm eine deiner Superkräfte und gib ihm damit ein bisschen Leichtigkeit. Bei mir hat „harmonische Freiheit“ viel verändert. Wenn dich Entscheidungen gerade mehr beschäftigen als Ziele, lies weiter im Guide für wertebasierte Entscheidungen.
Allein dranzubleiben ist schwer, weil im Alltag niemand nachfragt. Deshalb arbeite ich mit dem Wertebuddy. Zwei Menschen setzen sich gemeinsam Ziele und checken sich gegenseitig, ohne zu bewerten.
Das muss nicht groß sein. Ein kurzer Anruf pro Woche reicht, und zwei Fragen genügen:
Die zweite Frage ist die wertvollere. Sie holt das Material auf den Tisch, aus dem du lernst. Dein Wertebuddy kann eine Freundin sein oder ein Kollege. Wichtig ist nur, dass ihr euch nicht gegenseitig beurteilt. Fang heute an: Erzähl einem Menschen von dem Wert, den du leben willst. Allein das macht es verbindlicher.
Du wirst Wochen haben, in denen nichts klappt. Das Leben kommt halt dazwischen. Das ist normal und kein Grund, alles hinzuschmeißen.
In der Superheldenreise gibt es dafür eine feste Regel: Die Schleife statt Scheitern. Wenn ein Ziel nicht erreicht ist, schaust du dir die Szene an, in der du gestolpert bist. Du triffst eine neue Verabredung mit dir und gehst zurück zum ersten Schritt. Du startest dann als jemand, der schon weiter ist als beim ersten Mal. Erst wenn es zum dritten Mal nicht klappt, stellst du das Ziel selbst infrage. Vielleicht war es das falsche.
Wichtig ist auch die Reihenfolge beim Zurückschauen. Zuerst: Wie geht es mir jetzt? Dann: Sind meine Werte spürbarer geworden? Und erst danach: Habe ich das Ziel erreicht? Manchmal ist der Wert viel lebendiger geworden, obwohl das Ziel noch nicht steht, und das zählt genauso.
Wenn du die zwei Zeilen am Abend schreibst, gilt dasselbe. Es gibt keinen Streak, den du verlierst, und keine Schuld für Lücken. Nach einem Monat guckst du einfach, an welchen Tagen es leicht ging und an welchen nicht. Daran erkennst du dein Muster.
Für diesen Schritt vom Erkennen ins Tun habe ich die Superheldenreise gebaut. Du startest mit deinem Wertekompass und einem Super-SMART-Ziel und gehst damit echte Wochen durch deinen Alltag. Mit Reisebegleiter und einer Rückschau am Ende. Wie die Karten selbst funktionieren und wie man sie spielerisch nutzt, steht im Artikel Persönliche Werte spielerisch entdecken. Mehr rund ums Thema findest du auf der Seite Wertebewusstsein.
Ja, zumindest ein paar davon. Du kannst nur bewusst leben, was du benennen kannst. Wenn dir die Wörter fehlen, hilft die Werteliste mit über 200 Werten oder ein Wertespiel. Für die Übung oben reicht aber schon ein einziger Wert, bei dem du spürst, dass er dir wichtig ist.
Das passiert ständig, zum Beispiel bei Sicherheit und Freiheit. Frag dich dann, wie viel von beidem du in dein Leben bringen willst. Mach für beide Werte die Übung und such eine Handlung, die beiden ein bisschen Platz gibt.
Dein Ergebnis aus dem Wertespiel ist eine Momentaufnahme, das steht so auch in der Anleitung. Werte können sich mit Lebensphasen verschieben. Spätestens wenn sich etwas Großes ändert, zum Beispiel im Job oder in der Beziehung, lohnt sich eine neue Runde. Für den Alltag reicht der kurze Check: Welchen Wert spüre ich gerade am wenigsten?
Mehr zum Thema: Alles zu Wertebewusstsein findest du auf unserer Themenseite.
Geschrieben von Hendrik Martens, Systemischer Business Coach und Erfinder des Valueverse.