Wertekarten sind in Therapie und Beratung ein Gesprächsmaterial: Deine Klientin legt Begriffe wie Sicherheit, Freiheit oder Zugehörigkeit vor sich hin, wägt sie gegeneinander ab und kommt dabei ins Reden über das, was ihr wirklich wichtig ist. Ein Therapieverfahren ersetzen die Karten nicht. Was sie der Werteklärung geben, ist ein greifbarer Einstieg, zum Beispiel in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, in der Werte eine feste Rolle spielen.
Ich schreibe diesen Text als Coach. Ich bin systemischer Business Coach und NLP Master Coach, Therapeut bin ich nicht. Trotzdem landen unsere Karten erstaunlich oft in Praxen und Beratungsstellen. In unserer Käuferumfrage setzt gut ein Drittel die Spiele beruflich ein, und neben den Coaches tauchen da Therapeut:innen auf, Leute aus Reha und Sozialberatung, Lehrkräfte und Erzieher:innen. Jemand, der Gruppen leitet, schrieb uns, die Karten bringen „sehr lebendige Diskussionen in meinen Gruppentherapien“. Ein anderer Käufer hat sie bestellt „für die Arbeit mit meinen Patienten in der Psychosomatik“. Was die Karten da leisten können und wo sie aufhören, darum geht's hier.
Warum Wertekarten in der Beratung das Gespräch öffnen
Frag mal jemanden direkt: „Was ist dir im Leben wichtig?“ Meistens kommt erst eine Pause und dann etwas Allgemeines wie Familie oder Gesundheit. Stimmt ja auch. Nur geht das Gespräch so selten in die Tiefe.
Mit Karten läuft es anders. Du legst zwei Werte nebeneinander und fragst: Welcher der beiden ist dir wichtiger? So eine kleine Entscheidung fällt viel leichter als die große Frage. Und weil man ständig entscheiden muss, kommt man aus dem Kopf raus. Ab der zweiten Runde tut es dann richtig weh, weil nur noch Werte übrig sind, die alle wichtig sind. An diesen Stellen lohnt es sich nachzufragen: Stell dir eine Szene vor, in der diese beiden Werte gegeneinander stehen. Welchem folgst du?
Ein paar Regeln aus unseren Coach-Anleitungen, die in der Beratung genauso gelten:
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Die Karten mischt die Person selbst. Es sind ihre Werte, und das darf sie vom ersten Moment an spüren.
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Kein Prüfungsgefühl. Je mehr es sich nach Spiel anfühlt, desto ehrlicher wird sortiert.
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Nichts unterjubeln. Nachfragen ist okay, wenn jemand zögert oder zu schnell drüberfliegt. Du schiebst aber keine Karte nach vorn, weil du meinst zu wissen, was passt.
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Die Prüffrage stellen. Ist das wirklich dein Wert, oder einer, den du gerne hättest, um akzeptierter zu sein?
Eine Einschränkung gleich an dieser Stelle: Das Spiel kann Themen hochholen, mit denen jemand nicht gerechnet hat. Du bist als Therapeutin oder Therapeut dafür ausgebildet, die Karten fangen das nicht auf.
Werteklärung in der ACT: wo Karten reinpassen
In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, kurz ACT, gehört die Klärung der eigenen Werte fest zum Ansatz. Für diesen Teil kann Material helfen, zum Beispiel Wertekarten oder eine Werteliste.
Wie du Werte in dein Vorgehen einbaust, entscheidest du mit deiner Ausbildung und deinem Verfahren. Dazu sage ich nichts, das ist nicht mein Feld. Was ich dir sagen kann, ist etwas Praktisches: Karten machen aus einer abstrakten Frage eine sichtbare Auswahl. Beim Lesen einer Liste nickt man vieles ab, beim Sortieren muss man sich festlegen. Am Ende liegen ein paar Werte auf dem Tisch, über die ihr reden könnt, und die kann man fotografieren und in die nächste Sitzung mitnehmen. Wenn du lieber mit einer Liste arbeitest: In unserer Werteliste stehen über 200 Werte, zu jedem gibt es ein paar Sätze, was er bedeutet.
Vier Einsatzformen aus unseren Coach-Anleitungen
In unserer Value Vault liegen elf Anleitungen für Leute, die beruflich mit Menschen arbeiten. Die Vault gehört zu unserem Deck Value Awareness mit 100 Wertekarten. Vier dieser Anleitungen passen besonders gut in Praxis und Beratungsstelle.
Der Werte-Spiegel für Gruppen und Supervision
Die meisten Werteübungen fragen: Was ist dir wichtig? Diese Übung dreht das um. Die anderen legen dir hin, was sie bei dir sehen. Gedacht ist der Werte-Spiegel für drei bis acht Leute, pro Person etwa 20 Minuten. Das passt in eine Gruppe, die sich schon eine Weile kennt, und in die Supervision.
- Die Person, die dran ist, sucht sich still ihre fünf wichtigsten Werte aus und legt sie verdeckt vor sich.
- Die anderen suchen für sie je zwei bis drei Werte aus dem Deck. Zu jeder Karte gehört eine echte Situation, in der sie diesen Wert bei ihr gesehen haben.
- Die Person hört zu und sagt nichts dazu, auch kein Danke. Das ist ungewohnt und wichtig.
- Dann dreht sie ihre eigenen fünf Karten um und legt sie in eine zweite Reihe darunter. Lass einen Moment Stille.
- Jetzt lest ihr die Lücke. Welche Karte liegt oben und unten? Und welche ihrer eigenen Karten hat niemand gesehen?
Die letzte Frage ist die schärfste. Ein Wert, den jemand für zentral hält und den keiner bemerkt, kommt oft gerade zu kurz. Vorher klärt ihr eine Regel: Jede Karte steht für einen Wert, den man bei der Person sieht. Wer mit jemandem noch eine Rechnung offen hat, lädt sie hier nicht ab.
Die Wertearten als deine Landkarte
Wenn jemand acht Karten hingelegt hat, liegen da selten acht gleiche Dinge. Wir unterscheiden sieben Wertearten, vom Lebenswert über Grundwerte und Superkräfte bis zu gewünschten, übernommenen und Schattenwerten und dem Antiwert. Diese Sortierung behältst du für dich. Du nutzt sie, um die passende Frage zu stellen, und klebst niemandem ein Etikett auf.
- Ganz oben liegt ein Wert, der sich beim Drüberreden hohl anfühlt? Vielleicht ist es ein gewünschter Wert. Frag, woher er kommt.
- Ein Wert wird verteidigt, aber es fällt keine Situation dazu ein? Das riecht nach einem übernommenen Wert. Frag, wer ihn noch so hochhält.
- Eine Karte wird mit sichtbarem Widerwillen weggelegt? Oft ein Schattenwert und damit die interessanteste Karte auf dem Tisch.
- Ein Wert triggert sofort Ärger? Das kann ein Antiwert sein, der gegen einen Grundwert der Person steht.
In der Beratung hilft das, weil niemand festgelegt wird. Die Person darf jederzeit anders sortieren, die Wertearten sind Erfahrungswerte und keine Regeln.
Wertekonflikte in einem Menschen und mit anderen
Manchmal stecken hinter einem Anliegen zwei Werte, die aneinander ziehen. Sicherheit gegen Freiheit, Familie gegen Erfolg. Für den Konflikt in einem Menschen legt ihr beide Karten direkt nebeneinander und lasst euch eine konkrete Szene erzählen, in der beide gleichzeitig etwas wollten. Dann sucht ihr einen Kombiwert, zum Beispiel sichere Unabhängigkeit oder unabhängige Sicherheit, und die Person entscheidet, welche Richtung sich richtiger anfühlt. Danach braucht es eine kleine Handlung, an der sie das ausprobiert.
Für den Konflikt mit anderen arbeiten wir mit dem Wertequadrat nach Schulz von Thun. Die Person benennt das Verhalten, das sie nervt, ruhig hart, etwa unzuverlässig. Dann sucht ihr den Wert dahinter, vielleicht Spontaneität, und sie legt die Karte neben ihre eigene. Fair wird es erst, wenn auch der eigene Wert seine Übertreibung bekommt: Wer Zuverlässigkeit sehr stark lebt, wirkt auf andere schnell stur. Jemand hat unsere Karten übrigens „als Hilfsmittel im Deeskalationstraining“ gekauft, auch das passt in diese Ecke.
Zwischen den Sitzungen
Das Spiel zeigt Werte. In den Alltag bringt es sie nicht von allein. Dafür gibt es die kleinste Anleitung in der Vault, sie kostet dich zwei, drei Minuten am Ende einer Sitzung:
- Die Person nimmt eine Karte mit nach Hause. Die, bei der es geknirscht hat, nicht die schönste.
- Der Auftrag: Bring zur nächsten Sitzung eine Situation mit, in der dieser Wert eine Rolle gespielt hat. Ob du dich danach gerichtet hast, ist erst mal egal.
- Die nächste Sitzung fängt mit der Karte an. Wo warst du, wer war noch da, wie hast du gehandelt?
- Und dann die Frage, um die es geht: Was hat dich davon abgehalten, anders zu handeln? Meistens steckt da ein anderer Wert dahinter, und damit habt ihr das Thema der Sitzung.
Bringt jemand nichts mit, ist das keine Hausaufgabenkontrolle. Frag, was in der Woche so laut war, dass die Karte untergegangen ist, auch daraus wird ein Gespräch.
Der V-Code im Beratungsgespräch
Neben den Wertearten gibt es im Valueverse noch einen zweiten Blick auf die Karten. Die Karten lassen sich nämlich auch nach vier Wertetypen lesen: Sicherheit, Beziehung, Veränderung und Erfüllung, bei uns in Orange, Pink, Blau und Grün. Die Mischung, die ein Mensch daraus lebt, nennen wir seinen V-Code. Die Grundlagen dazu habe ich in Was sind Werte? aufgeschrieben. In einer Sitzung kannst du den V-Code von mehreren Seiten anschauen.
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Die Kraft. Aus welcher Farbe zieht die Person ihre Energie? Lass dir eine Situation erzählen, in der sie richtig in ihrem Element war, und achte darauf, welche Werte darin auftauchen. Oft gehören die zu einem oder zwei Typen.
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Der Schatten. Jeder Wert hat eine Seite, in die er kippen kann. Sicherheit kann zu Angst erstarren, Freiheit kann in Bindungslosigkeit abrutschen. Wer diese Seite wegschiebt, merkt oft gar nicht mehr, wann er schon drinsteckt. Eine gute Frage dazu: Wie fühlt sich dieser Wert an, wenn er zu viel wird?
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Die Spannung. Liegen Werte aus zwei verschiedenen Farben weit oben, ziehen sie gern in verschiedene Richtungen. Stell dir eine Klientin vor, die Stabilität und Ordnung genauso hoch legt wie Neugier und Abwechslung. Orange will festhalten, Blau will los. Beides gehört zu ihr, und im Gespräch sucht ihr, wie beides Platz bekommt.
Der V-Code bleibt dabei eine Karte fürs Gespräch, so wie die Wertearten. Er erklärt keine Symptome, und ob jemand Hilfe braucht, liest du an ihm nicht ab. Wer vor der Sitzung schon etwas mitbringen will, kann den kostenlosen Wertetest machen, am Ende steht dort der eigene V-Code. Ob du damit arbeitest und wie, entscheidest du mit deinem Verfahren.
Die Grenze: Wertekarten sind Material
Jetzt der Teil, der mir am wichtigsten ist. Wertekarten stellen keine Diagnose und werten nichts aus. Ob jemand krank ist oder welche Behandlung er braucht, darüber sagen die Karten nichts. Sie sind Material, so wie ein Flipchart, und die Verantwortung für den Prozess liegt bei dir als Fachperson.
Ich bin Coach. Was ich über die Karten weiß, kommt aus dem Coaching und aus den Rückmeldungen unserer Käufer:innen. Wie sie in eine Psychotherapie passen, entscheidest du. Wenn jemand in einer Krise steckt oder eine psychische Erkrankung im Raum steht, gehört er in therapeutische Begleitung. Ein Kartenspiel allein ist dafür nicht gemacht, und Heilung verspreche ich mit keiner einzigen Karte.
Zwei praktische Punkte noch. Erstens ist das Ergebnis eine Momentaufnahme, so steht es auch in unseren Spielanleitungen. Zweitens Freiwilligkeit: Wer bei einer Karte nicht weiterwill, legt sie weg, gerade in der Gruppe.
Welche Karten für Praxis und Beratung?
Für Einzelsitzungen reicht ein Deck. Unser Basisspiel hat 52 Werte, die Coach-Anleitungen oben arbeiten mit den 100 Wertekarten von Value Awareness. Wenn du mit Gruppen arbeitest, brauchst du mehr als ein Spiel auf dem Tisch. Dafür gibt es das Coaching Set mit mehreren Spielen.
Worauf es bei Wertekarten fürs Coaching sonst ankommt, habe ich in einem eigenen Artikel über Wertekarten für Coaches zusammengetragen. Wie eine erste Sitzung aufgebaut sein kann, steht in Mit Wertkarten Coaching starten, und was Werteklärung im ganzen Prozess bringt, in Werteklärung im Coachingprozess. Alle Artikel rund um Karten findest du auf unserer Themenseite Wertekarten.
Häufige Fragen
Sind Wertekarten ein Therapieverfahren?
Nein. Wertekarten sind Gesprächsmaterial und helfen, über Werte zu reden und Prioritäten sichtbar zu machen. Verfahren und Verantwortung bleiben bei dir als Fachperson.
Passen Wertekarten zur ACT?
In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie gehört Werteklärung fest dazu, und Karten sind eine Möglichkeit, diesen Teil greifbar zu machen. Wie du sie einbaust, entscheidest du mit deiner Ausbildung. Ich bin Coach und gebe dazu keine therapeutischen Empfehlungen.
Kann ich Wertekarten in der Gruppentherapie einsetzen?
Einige unserer Käufer:innen tun das. Für Gruppen eignet sich der Werte-Spiegel mit drei bis acht Personen. Klärt vorher, dass jede Karte für einen Wert steht, den man bei der Person sieht, und dass niemand etwas erzählen muss, was er nicht erzählen will.