Werte und Normen: der Unterschied einfach erklärt

Werte sind das, was dir selbst wichtig ist, Normen sind Regeln und Erwartungen von außen. Hier findest du Beispiele, die typischen Kollisionen und eine Übung, mit der du prüfst, ob ein Wert wirklich deiner ist oder der deiner Eltern.

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Werte und Normen: Jugendliche sortieren an einem Tisch Wertekarten in Stapel

Werte sind das, was dir selbst wichtig ist, zum Beispiel Ehrlichkeit, Freiheit, Familie oder Ruhe. Normen sind Regeln und Erwartungen, die von außen kommen: aus dem Gesetz, aus der Erziehung, aus der Firma oder aus dem Freundeskreis. Kurz gesagt beschreibt ein Wert eine Richtung, die du für richtig hältst, und eine Norm schreibt ein Verhalten vor, das andere von dir erwarten.

Meistens passen beide gut zusammen. Interessant wird es da, wo sie auseinanderlaufen, wo also von außen etwas verlangt wird, das sich innen falsch anfühlt. Oder wo du eine Regel so lange befolgt hast, dass du sie inzwischen für deinen eigenen Wert hältst. Darum geht's in diesem Artikel, mit vielen Beispielen und einer Übung zum Selbermachen.

Werte und Normen einfach erklärt

Ein Wert ist ein inneres Wort. Gerechtigkeit, Respekt, Abenteuer, Ruhe. Du spürst bei so einem Wort, ob es dich anspricht, und es gibt dir eine grobe Richtung, ohne dir haarklein zu sagen, was du tun sollst. Was Werte überhaupt sind und wie du deine erkennst, habe ich in Was sind Werte? Einfach erklärt, mit Beispielen ausführlich beschrieben. Hier konzentrieren wir uns auf die Abgrenzung zu den Normen.

Eine Norm ist dagegen ein ganzer Satz mit einem eingebauten „man soll“. Man lässt andere ausreden. Pünktlich zur Arbeit kommen, vor der Schule 30 fahren, den Müll trennen, das sind alles Normen. Wer gegen eine Norm verstößt, kriegt eine Reaktion, das kann ein Bußgeld sein oder ein Kopfschütteln am Esstisch. Daran erkennst du Normen ziemlich schnell.

Unsere „WERTvollste Studie Deutschlands“ hält beides so auseinander: Gesellschaftliche Werte und Normen werden von Traditionen, Gesetzen und sozialen Einflüssen geformt und bestimmen, welche Verhaltensregeln und Erwartungen in einer Gesellschaft gelten. Persönliche Werte entwickeln sich dagegen im Laufe deines Lebens, durch Erziehung, Veranlagung, Kultur, deine Erfahrungen und durch das, was du darüber nachdenkst.

Die Faustregel

Eine simple Unterscheidung hilft. Ein Wert ist ein Wort. Eine Norm ist eine Verabredung, wie dieses Wort im Alltag aussehen soll. „Respekt“ ist ein Wert. „Bei uns wird niemand ausgelacht“ ist eine Norm. Das Wort allein versteht jeder ein bisschen anders. Erst der Satz macht klar, was konkret gemeint ist.

Werte und Normen: Beispiele

Hinter fast jeder Norm steckt ein Wert, den irgendwer mal für wichtig gehalten hat. Die Tabelle zeigt dir ein paar typische Paare. Die Normen sind Beispiele, die meisten kennst du aus dem Alltag.

Wert Passende Norm Herkunft
Ehrlichkeit Du sollst nicht lügen. Erziehung
Respekt Man lässt andere ausreden. Umgangs­formen
Pünktlich­keit Wer später kommt, sagt Bescheid. Arbeitswelt
Gerechtig­keit Vor Gericht gilt für alle dasselbe Recht. Gesetz
Gesundheit In Restaurants wird nicht geraucht. Gesetz
Sicherheit Im Auto schnallen sich alle an. Gesetz
Hilfs­bereitschaft Bei einem Unfall leistest du Erste Hilfe. Gesetz, Moral
Höflichkeit Man sagt Bitte und Danke. Erziehung
Familie Sonntags essen alle zusammen. Familien­tradition
Nachhaltig­keit Der Müll wird getrennt. Gesetz, Gesellschaft

Zwei Dinge fallen auf, wenn du dir die Liste anschaust. Ein Wert kann viele Normen haben. Gesundheit steckt im Rauchverbot, in der Helmpflicht, im Arbeitsschutz und in der Regel, dass man mit Fieber zu Hause bleibt. Und umgekehrt kann eine Norm mehreren Werten dienen. Das gemeinsame Sonntagsessen kann für Familie stehen oder einfach für Geselligkeit.

Unsere Studie zeigt übrigens auch, dass das in beide Richtungen wirkt. Gesetze, die zum Beispiel Gleichberechtigung fördern, können Menschen dazu bringen, diesen Wert auch persönlich zu übernehmen. Und wenn viele einzelne Menschen Nachhaltigkeit wichtig finden, entstehen daraus irgendwann neue Normen für alle. Mehr Beispiele für einzelne Werte findest du in unserer Werteliste, die über 200 Werte erklärt.

Dein Wert oder der deiner Eltern?

Ich arbeite seit über zehn Jahren als systemischer Coach mit Werten, und an dieser Stelle wird es für mich richtig interessant. Normen bleiben nämlich nicht draußen. Was du als Kind tausendmal gehört hast, wandert irgendwann nach innen und fühlt sich an wie dein eigener Wert. Das Spannende ist: Oft ist er es auch. Manchmal aber eben nicht.

In meinem Material für Coaches nenne ich so etwas einen übernommenen Wert. Das sind Werte und Glaubenssätze, die du von anderen übernommen hast, ohne sie je zu prüfen. Von den Eltern, aus den Medien, aus dem Job, von Freunden. Ein Klassiker aus der Kindheit ist der Satz „Familie geht über alles“. Das kann ein tiefer, echter Wert von dir sein. Es kann aber auch eine Norm deiner Eltern sein, die du einfach weiterträgst.

Ich kenne das von mir selbst. Ich hatte eine erfolgreiche Influencer-Agentur. Von außen war alles top, es gab Geld und Anerkennung. Innerlich war ich leer. Ich kannte die Werte meiner Kunden besser als meine eigenen, und mein Business lief auf den Werten anderer Leute. Als ich darüber nachdachte, die Firma loszulassen, kam sofort dieser Satz: „Das macht man doch nicht. Du hast doch alles.“ Das ist eine Norm in Reinform. Erst als ich mit einem Kartenspiel meine eigenen Werte zum ersten Mal sortiert hatte, ist bei mir der Groschen gefallen. Daraus ist das Valueverse-Modell entstanden, an dem ich seit fünf Jahren arbeite.

Deshalb steht in der Anleitung zu unserem Wertespiel ganz vorne eine Frage, die du dir bei jeder Karte stellen darfst: Ist das wirklich dein eigener Wert, oder stammt er von deinen Eltern, deinem Partner, deinen Freunden? Und gleich dahinter die zweite: Gehört er schon zu deiner Persönlichkeit, oder wünschst du ihn dir nur?

Ein übernommener Wert ist nicht automatisch falsch. Wenn du ihn prüfst und merkst, ja, das ist auch meiner, dann gehört er ab da dir. Der Unterschied ist, dass du ihn jetzt bewusst wählst. Eine Käuferin hat das nach ihrer Spielrunde so beschrieben: „Die Tatsache, ja so bin ich wirklich und so habe ich unterbewusst schon gelebt.“

Normenkatalog oder V-Code: wessen Karte ist das?

Ein Normenkatalog gilt für alle gleich. Die Straßenverkehrsordnung gilt für dich genauso wie für deinen Nachbarn, die Hausordnung in der Firma auch. Dein V-Code gehört dagegen nur dir. So heißt im Valueverse die Karte deiner eigenen Werte, also der Werte, aus denen du Energie schöpfst.

Mach mal ein kleines Experiment mit der Tabelle oben. Ich hab jeden der zehn Werte in unserer Werteliste nachgeschlagen, dort ist jeder Wert einem der vier Wertetypen zugeordnet. Fünf sind Sicherheit (Respekt, Pünktlichkeit, Gerechtigkeit, Gesundheit, Sicherheit), vier sind Beziehung (Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, Familie), Nachhaltigkeit gehört zur Veränderung. Aus der Erfüllung, wo zum Beispiel Freiheit und Gelassenheit hingehören, ist kein einziger dabei. Ich finde das logisch. Normen regeln vor allem das Zusammenleben, dafür braucht es Ordnung und Rücksicht. Was dich von innen erfüllt, kann dir keine Regel vorschreiben. Mehr zu den vier Typen liest du in Was sind Werte?.

Für übernommene Werte kannst du daraus eine Frage machen. Wenn deine acht Werte fast alle zu Sicherheit und Beziehung gehören und du dich damit irgendwie eng fühlst, schau noch mal hin. Vielleicht sind da Regeln von früher nach innen gewandert. Muss nicht sein, viele Menschen ziehen echte Kraft aus Ordnung und Familie. Die Prüffrage bleibt dieselbe wie oben: Fühlt sich der Wert nach dir an? Beim Spielen hilft dir der Ablauf. Dein Kopf kennt alle Normen auswendig, beim Sortieren ist er aber mit links oder rechts beschäftigt, und entschieden wird aus dem Bauch. Wer das ohne Karten ausprobieren will, macht den kostenlosen Wertetest, der zeigt dir deinen V-Code.

Wo Normen und eigene Werte kollidieren

Normen und Werte vertragen sich nicht immer. In der Studie haben wir dazu ein Beispiel beschrieben, das ich sehr mag. Stell dir vor, du wächst in einem Umfeld auf, in dem Disziplin, Ordnung und hoher Leistungsdruck herrschen. Das färbt auf dich ab. Du arbeitest hart, gibst nie auf und richtest deine Karriere danach aus. Irgendwann merkst du, dass dir dein Wohlbefinden immer wichtiger wird und dass die Erwartung, ständig hart zu schuften, auf Kosten deiner Zeit geht. Und dann? Dann sortierst du deine Werte neu und änderst dein Verhalten.

Solche Kollisionen gibt es überall. Im Job erwartet die Firma, dass du abends noch Mails beantwortest, und dir ist Familie wichtig. In der Familie gilt, dass man über Geld nicht spricht, und dir ist Offenheit wichtig. Im Freundeskreis wird jeder Streit weggelächelt, und du legst Wert auf Ehrlichkeit. Und alle fragen, wann ihr endlich heiratet, obwohl dir deine Freiheit wichtig ist. Von außen sieht das oft aus wie ein Regelverstoß, dabei steckt meistens ein Wertekonflikt dahinter.

In unserer Anleitung für Coaches zu Wertekonflikten steht ein Satz, den du so oder ähnlich bestimmt schon gehört hast: „Der Typ nervt mich so tierisch. Ständig kommt er zu spät oder hält Verabredungen nicht ein. Dabei haben wir doch klare Regeln.“ Die Regel ist hier die Norm. Darunter liegt bei dem einen Zuverlässigkeit und bei dem anderen vielleicht Spontaneität. Laut dieser Anleitung sind etwa neun von zehn Konflikten zwischen Menschen Wertekonflikte. Signale und Lösungswege dafür sammelt der Artikel Wertekonflikte erkennen und lösen.

Auch ganze Regionen setzen unterschiedliche Maßstäbe. In unserer Studie mit 1.000 Befragten gehört Gerechtigkeit in Westdeutschland zu den drei wichtigsten Werten. Im Osten fehlt sie in den Top 5 ganz. Tradition, also der Wert, aus dem viele Normen kommen, landet bundesweit nur auf Platz 27 von 32. Alle Ergebnisse findest du auf unserer Seite Die Werte der Deutschen.

Woran du einen übernommenen Wert erkennst

  • Du verteidigst einen Wert heftig, aber dir fällt keine einzige Situation ein, in der du ihn zuletzt selbst gelebt hast.
  • Ein Wert liegt bei dir ganz oben und fühlt sich trotzdem leer an.
  • Du hörst beim Nachdenken über den Wert die Stimme von jemand anderem im Kopf.
  • Du befolgst eine Regel und kannst nicht sagen, wofür sie eigentlich gut ist.

Übung: Ist das wirklich dein Wert?

Du brauchst dafür deine wichtigsten Werte. Wenn du sie noch nicht kennst, spiel zuerst eine Runde Das WERTvollste Spiel der Welt. Da gehst du die 52 Werte durch, behältst 26, vergleichst immer zwei, bis 13 übrig sind, holst dir einen Joker dazu und hast 14. Noch eine Runde, dann bleiben sieben, plus Joker sind es acht. Mit diesen acht machst du Folgendes:

  1. Leg deine acht Werte nebeneinander vor dich hin.
  2. Frag dich bei jedem Wert: Wer in meinem Leben hält diesen Wert noch hoch? Schreib den Namen ruhig auf einen Zettel daneben.
  3. Such zu jedem Wert eine Situation aus den letzten Wochen, in der du nach ihm gehandelt hast. Wenn dir keine einfällt, mach einen kleinen Punkt an die Karte.
  4. Schreib zu den markierten Werten die Norm auf, die du damit verbindest. Fang den Satz mit „Man muss…“ oder „Man darf nicht…“ an. Lies ihn laut. Ist das deine Regel oder die von jemand anderem?
  5. Entscheide bei jedem markierten Wert: Behalte ich ihn bewusst, oder tausche ich ihn gegen einen aus dem Ablagestapel, der sich mehr nach mir anfühlt?

Das Ergebnis ist eine Momentaufnahme. Mach die Übung in ein paar Monaten ruhig noch mal. Probier's mal aus, du wirst überrascht sein, wie viele „Man muss“-Sätze in deinen Werten stecken.

Werte und Normen in der Schule

In manchen Bundesländern gibt es für das Thema sogar ein eigenes Schulfach, das „Werte und Normen“ heißt. Das zeigt ganz gut, dass die Unterscheidung kein Philosophenkram ist. Jede Klasse lebt mit Normen, und jede Schülerin bringt eigene Werte mit.

Wo es in der Schule oft hakt, sind Klassenregeln. „Wir respektieren uns“ steht schnell an der Wand. Nur versteht jeder unter Respekt etwas anderes, und daran scheitern viele Klassenregeln. In unseren Anleitungen für Lehrkräfte lassen wir die Klasse deshalb zu jedem Wert einen ganzen Satz formulieren, der sagt, was er hier konkret bedeutet. So ein Satz ist eine Verabredung, auf die man sich im Streit berufen kann. Und noch ein Unterschied, den ich wichtig finde: Eine Regel verbietet etwas, eine Handlung sagt, was man stattdessen tut. Wie das im Unterricht aussehen kann, liest du in Klassenregeln mit Wertedialog entwickeln.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Werten und Normen?

Werte sind innere Maßstäbe, also das, was dir persönlich wichtig ist, etwa Ehrlichkeit oder Freiheit. Normen sind konkrete Verhaltensregeln, die eine Gesellschaft, eine Familie oder eine Firma von dir erwartet. Hinter den meisten Normen steckt ein Wert, aber nicht jede Norm passt zu deinen eigenen Werten.

Was sind Beispiele für Werte und Normen?

Zum Wert Ehrlichkeit gehört die Norm „Du sollst nicht lügen“. Respekt zeigt sich in der Regel „Man lässt andere ausreden“. Hinter der Anschnallpflicht im Auto steht Sicherheit, hinter der Mülltrennung Nachhaltigkeit. Weitere Paare findest du in der Tabelle oben.

Können Normen zu eigenen Werten werden?

Ja, das passiert ständig, vor allem in der Kindheit. Was Eltern oder Schule immer wieder vorleben, wird oft zu einem Wert, den du für deinen eigenen hältst. Ob er wirklich zu dir gehört, findest du raus, wenn du ihn bewusst prüfst: Fällt dir eine Situation ein, in der du ihn selbst gelebt hast, und fühlt er sich nach dir an?

Mehr zum Thema: Alles zu Werte und ihre Bedeutung findest du auf unserer Themenseite.

Geschrieben von Hendrik Martens, Systemischer Business Coach und Erfinder des Valueverse.