Werte im Familienunternehmen: Familie, Firma und Nachfolge
Im Familienunternehmen teilen sich Familie und Firma dieselben Menschen, aber nicht automatisch dieselben Werte. So trennt ihr beides und redet rechtzeitig vor der Nachfolge darüber.
Im Familienunternehmen teilen sich Familie und Firma dieselben Menschen, aber nicht automatisch dieselben Werte. So trennt ihr beides und redet rechtzeitig vor der Nachfolge darüber.
Werte im Familienunternehmen sind die Werte, nach denen die Firma entscheidet, und die sind nicht automatisch dieselben wie die Werte der Familie. Trennt deshalb, was ihr von jeder Mitarbeiterin erwarten würdet, von dem, was nur euch als Familie gehört, und schreibt zu jedem Firmenwert einen Satz, was er bei euch konkret heißt. Spätestens bei der Nachfolge wird das wichtig, weil zwei Generationen ihre Werte oft unterschiedlich sortieren.
Ich zeige dir hier, wie ihr das auseinanderbekommt und wie ihr danach das ganze Team mit reinholt. Zwischendurch schauen wir in unsere Wertestudie, weil die bei den Altersgruppen ziemlich deutlich wird. Die Methoden kommen aus meiner Anleitung für Gründerteams und aus unseren Value-Awareness-Anleitungen für Team-Werte.
In einem Familienunternehmen sitzen dieselben Leute am Geburtstagstisch und in der Montagsrunde. Wer zu Hause der große Bruder ist, ist im Betrieb vielleicht der Juniorchef. Und was in der Familie schon immer galt, läuft ganz selbstverständlich mit in die Firma. Das kann eine riesige Stärke sein. Es führt aber auch leicht dazu, dass keiner mehr sagen kann, wo die Familie aufhört und wo die Firma anfängt.
Dazu kommt das alte Problem mit Wörtern. In unserer Kundenumfrage hat jemand geschrieben: „Wertedefinitionen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.“ Im Familienbetrieb merkst du das doppelt. Stell dir vor, der Vater sagt „Verlässlichkeit“ und meint damit, dass man samstags im Laden steht. Die Tochter sagt dasselbe Wort und meint, dass Lieferzusagen gehalten werden. Beide haben recht und reden trotzdem aneinander vorbei. Das Beispiel ist ausgedacht, aber so was kennst du bestimmt, oder?
Einen Überblick über alles rund um Werte in Firmen findest du auf unserer Themenseite Unternehmenswerte. Hier geht's um den Sonderfall, bei dem Familie und Firma ineinanderlaufen.
In meiner Anleitung für Gründerteams steht ein Gedanke, der für Familienunternehmen fast noch mehr gilt: Was den Gründern wichtig ist, wird die DNA der Firma, ob es irgendwo aufgeschrieben ist oder nicht. Im Familienunternehmen sind die Gründer die Eltern oder Großeltern. Ihre Werte stecken in Gewohnheiten und Regeln, die heute keiner mehr hinterfragt.
Der Schritt, den laut Anleitung fast alle überspringen, ist eine ehrliche Frage: Ist das ein Wert von mir, oder ein Wert, nach dem diese Firma arbeiten soll? Prüfen kannst du das so: Kannst du von einer neuen Kollegin verlangen, dass sie sich danach richtet, auch wenn sie mit eurer Familie nichts zu tun hat? Wenn nein, ist es ein Gründerwert. Der darf bleiben, er gehört dann zu dir und eben nicht ins Leitbild.
Knifflig wird es, wenn ausgerechnet Familie der Wert ist, auf den alle stolz sind. Hier hilft der „heißt bei uns“-Satz. Mit dem Wort Familie allein kann eine Mitarbeiterin, die nicht zur Familie gehört, wenig anfangen. Mit einem konkreten Satz schon eher. Stell dir vor, ihr schreibt: „Familie heißt bei uns: Wer ein krankes Kind zu Hause hat, geht heim, und den Rest regeln wir im Team.“ Damit ist aus einem Familienwert ein Firmenwert geworden, den jeder im Betrieb mittragen kann. Findet ihr keinen solchen Satz, bleibt Familie bei euch. Das ist völlig in Ordnung.
Wie ihr solche Sätze gut formuliert, mit Beispielen nach Bereichen, steht in Unternehmenswerte: Beispiele und wie ihr sie formuliert.
Die Übung folgt meiner Anleitung für Gründerteams, angepasst auf den Familienbetrieb. Rechnet mit drei bis vier Stunden am Stück. Ihr braucht Wertekarten, Zettel, Stifte und eine Wand. Mitmachen sollten alle aus der Familie, die in der Firma Verantwortung tragen.
Die Familienwerte schmeißt ihr danach natürlich nicht weg. Die gehören an euren Esstisch zu Hause. Wie ihr die als Familie findet und lebt, zeigt unser Artikel zu Familienwerten mit Beispielen.
Ein Satz aus der Anleitung ist mir bei dieser Übung besonders wichtig: „Ein benannter Unterschied ist eine Verabredung. Ein weggelächelter ist eine Zeitbombe.“ Schon unter befreundeten Gründern ist der Reflex groß, schnell zur Harmonie zu kommen. In einer Familie ist er eher noch größer, oder?
Bei der Nachfolge treffen zwei Generationen aufeinander, und die gewichten ihre Werte oft anders. In unserer Wertestudie sieht man, wie unterschiedlich die Altersgruppen ihre wichtigsten Werte sortieren. Befragt wurden 1.000 Menschen aus ganz Deutschland, keine Unternehmerfamilien. Als Spiegel für ein Übergabegespräch taugen die Zahlen trotzdem. Hier ein paar Werte im direkten Vergleich, jeweils als Rangplatz innerhalb der Altersgruppe:
| Wert | 20 bis 39 Jahre | 60 bis 79 Jahre |
|---|---|---|
| Familie | Platz 2 | Platz 5 |
| Treue | Platz 3 | Platz 4 |
| Freiheit | Platz 5 | Platz 10 |
| Zuverlässigkeit | Platz 7 | Platz 2 |
| Sicherheit | Platz 9 | Platz 6 |
Gesundheit steht in beiden Gruppen auf Platz 1, da sind sich beide einig. Darunter wird's interessant. Die 60- bis 79-Jährigen setzen Zuverlässigkeit auf Platz 2, die 20- bis 39-Jährigen erst auf Platz 7. Bei Freiheit ist es fast umgekehrt. Und Familie steht bei den Jüngeren sogar weiter oben als bei den Älteren.
Stell dir jetzt eine Übergabe vor. Die Seniorchefin ist Anfang sechzig, ihr Sohn Anfang dreißig. Wenn die Zahlen auf die beiden zutreffen, hält sie den Betrieb über Verlässlichkeit zusammen, und er will Freiraum, um Dinge anders zu machen. Beide wollen das Beste für die Firma und streiten trotzdem, über Arbeitszeiten zum Beispiel oder über das Tempo bei neuen Ideen. Unrecht hat da keiner. Die beiden gewichten nur anders.
Eine Einschränkung gehört dazu. Eine einzelne Befragung zeigt, wie Altersgruppen heute sortieren. Sie kann nicht sagen, ob jemand mit 65 Zuverlässigkeit wichtiger findet, weil er älter ist, oder weil seine Generation so aufgewachsen ist. Alle vier Altersgruppen findest du in Wertewandel in Deutschland: Generationen im Vergleich. Für euren Betrieb zählen am Ende sowieso eure eigenen Karten.
Schlag die fünf Werte aus der Tabelle mal in unserer Werteliste nach. Zuverlässigkeit und Sicherheit gehören dort zum Bereich Sicherheit, Familie und Treue zur Beziehung, Freiheit zur Erfüllung. In diesem kleinen Ausschnitt setzen die 60- bis 79-Jährigen die Sicherheitswerte weiter nach vorn, die 20- bis 39-Jährigen die Werte aus Beziehung und Erfüllung. Bei fünf Werten ist das nur ein Hinweis. Aber ein spannender, oder?
Im Valueverse nennen wir das Ergebnis eines Menschen seinen V-Code, also die Werte, aus denen er seine Kraft zieht, und jeder davon gehört zu einem der vier Wertetypen mit eigener Farbe. Klebt nach der Übung von oben neben jede Karte an der Wand einen Punkt in der Farbe ihres Typs. Dann seht ihr auf einen Blick, wo sich die Generationen treffen und wo sie sich ergänzen. Bleib bei der Seniorchefin und ihrem Sohn: Stell dir vor, bei ihr leuchtet fast alles orange, bei ihm blau und grün. Was sie absichern will, will er bewegen, und der Betrieb lebt von beidem.
Daraus baut ihr euren gemeinsamen Firmenkompass. Prüft dabei eure drei bis fünf Firmenwerte: Stammen die alle aus der Farbe der abgebenden Generation? Dann kann es sein, dass sich die Nachfolgerin oder der Nachfolger darin kaum wiederfindet. Ein Firmenwert aus ihrem Bereich, mit einem guten „heißt bei uns“-Satz, kann bei der Übergabe viel Druck rausnehmen.
Für die abgebende Generation kann die Übergabe das Schwerste überhaupt sein. In meinem Kurs, der Superheldenreise, erzähle ich, wie es mir ging, als ich meine Influencer-Agentur losgelassen habe. Da war eine laute innere Stimme: „Du hast Menschen, die für dich arbeiten, du kannst doch nicht einfach aufhören.“ Der Wert hinter dieser Stimme war Loyalität. Erst als ich sie als Teil von mir gesehen habe, konnte ich mit ihr ins Gespräch gehen.
So eine Stimme kann bei jeder Übergabe mitreden. Wenn ihr das in der Familie wisst, wird aus „Papa kann halt nicht loslassen“ ein Gespräch über Loyalität zu den Leuten im Betrieb. Das ist ein ganz anderes Gespräch, ne?
Mein Rat deshalb: Macht die Übung von oben, bevor über Anteile und Termine verhandelt wird. Die Gründer-Anleitung zieht den Konflikt bewusst nach vorn, an einen Vormittag, an dem er noch billig ist. Dann liegen die Unterschiede auf dem Tisch, solange sie noch Gespräche sind und keine Anwälte brauchen.
Ein Familienunternehmen besteht selten nur aus Familie. Wenn die Firmenwerte allein am Familientisch entstehen, sind es für alle anderen schnell fremde Wörter. Unsere Studie empfiehlt deshalb, Unternehmenswerte von innen nach außen zu entwickeln und Mitarbeitende wie Führungskräfte gleichermaßen zu beteiligen.
Für diesen Schritt gibt es zu unserem Deck Value Awareness zwei Anleitungen für Team-Werte. Entwickelt haben wir sie gemeinsam mit ben.partners, einer Personalberatung aus Hamburg. Sie sind so gebaut, dass ein Team mit fünf bis zehn Leuten sie ohne externe Moderation spielen kann. Wenn im Team noch keiner seine Werte kennt, rechnet mit drei bis dreieinhalb Stunden. In Kurzform läuft das so:
Für Familienbetriebe stecken in diesen Anleitungen zwei Regeln, die ich besonders mag. Die erste betrifft die Chefs. Eine Führungskraft im Team spielt gleichberechtigt mit, ohne Vetomacht, mit einer Stimme wie alle anderen. Das gilt dann auch für den Senior. Klappt das bei euch nicht, sagt die Anleitung klar: Dann spielt das Format nicht allein und holt euch Begleitung von außen. Die zweite Regel ist die Differenz-Liste. In einer Familie kann der Druck groß sein, alles glattzuziehen. Die Liste erlaubt euch, einen Unterschied festzuhalten, ohne ihn auflösen zu müssen.
Eure Firmenwerte aus der Familienrunde kommen übrigens erst ganz am Ende auf den Tisch. Dann schaut ihr gemeinsam, wo die Team-Prinzipien dazu passen und wo es Spannung gibt. Manchmal bringt das Team dabei etwas mit, das der Firma noch gefehlt hat.
Eine feste Liste gibt es nicht. Passend sind die Werte, die bei Familie und Belegschaft in der Schnittmenge liegen und die ihr in einem Satz beschreiben könnt. Zum Stöbern eignet sich unsere Werteliste mit über 200 Werten, jeder mit einer kurzen Erklärung.
Nur, wenn ihr einen Satz findet, den auch Mitarbeitende ohne Verwandtschaft zur Inhaberfamilie leben können. Sonst ist Familie ein Wert der Inhaber und bleibt bei euch, und da ist er gut aufgehoben.
Bevor es um Anteile und Termine geht. Wenn beide Generationen ihre Werte vorher sortiert und nebeneinandergelegt haben, wissen alle, wo es reiben wird. Dann lässt sich darüber reden, solange es noch ruhig ist.
Lass uns die Welt wertvoller machen.
Mehr zum Thema: Alles zu Unternehmenswerte findest du auf unserer Themenseite.
Geschrieben von Hendrik Martens, Systemischer Business Coach und Erfinder des Valueverse.