Wertespiel für Jugendliche: so klappt Wertearbeit ab 14
Ein Wertespiel für Jugendliche klappt, wenn sie selbst entscheiden dürfen und niemand ihre Ergebnisse bewertet. Unser Basisspiel ist ab 14 gedacht: Aus 52 Werten bleiben am Ende acht übrig, die sich nach dir anfühlen. Die Erwachsenen halten dabei den Rahmen und reden so wenig wie möglich rein.
Ob du Lehrerin bist, eine Jugendgruppe leitest, im Sportverein trainierst oder zu Hause einen Teenager hast: In diesem Artikel findest du, was Jugendlichen laut unserer Studie wichtig ist, wie ein Spieldurchgang mit ihnen abläuft und worauf du als erwachsene Person achten solltest. Vieles davon kommt aus unseren Anleitungen für Lehrkräfte und klappt genauso gut im Verein oder am Küchentisch.
Für „Die WERTvollste Studie Deutschlands“ hat jede und jeder der 1.000 Befragten 32 Werte eingestuft, von sehr wichtig bis spielt keine Rolle. Für die unter 20-Jährigen weist die Auswertung eine eigene Rangliste aus. Leg ihre zwölf wichtigsten Werte mal neben das Ranking aller Befragten:
| Platz | Unter 20 | Alle Befragten |
|---|---|---|
| 1 | Loyalität | Gesundheit |
| 2 | Treue | Familie |
| 3 | Familie | Gerechtigkeit |
| 4 | Gesundheit | Zuverlässigkeit |
| 5 | Respekt | Treue |
| 6 | Gerechtigkeit | Respekt |
| 7 | Sicherheit | Sicherheit |
| 8 | Freiheit | Freiheit |
| 9 | Selbstverwirklichung | Freude |
| 10 | Zuverlässigkeit | Loyalität |
| 11 | Verantwortung | Bildung |
| 12 | Freude | Freundschaft |
Zwei Dinge springen mir da sofort ins Auge. Selbstverwirklichung steht bei den Jüngsten auf Platz 9. Im Gesamtranking aller 1.000 Befragten landet sie erst auf Platz 22. Und Verantwortung schafft es bei den unter 20-Jährigen in die Top 12, im Gesamtranking steht sie auf Platz 15. Dass außerdem Loyalität bei ihnen ganz oben steht, bei allen zusammen aber nur auf Platz 10, habe ich in Kindern Werte vermitteln schon beschrieben.
Für mich passt das gut zusammen: Jugendliche wollen ihren eigenen Weg finden und brauchen gleichzeitig Leute, auf die sie sich verlassen können. Beides gehört in diesem Alter dazu. Für dich als Erwachsenen heißt das: Wenn ein 15-Jähriger Loyalität und Selbstverwirklichung ganz oben liegen hat, ist das kein Widerspruch. Frag lieber nach, was die beiden Werte für ihn bedeuten. Alle Altersgruppen stehen unter Die Werte der Deutschen.
Im Valueverse-Modell gehört jeder Wert zu einem von vier Wertetypen, und jeder Typ hat seine Farbe: Orange für Sicherheit, Pink für Beziehung, Blau für Veränderung und Grün für Erfüllung. Wie die vier gemeint sind, steht in Was sind Werte? Ich hab die zwölf Werte der unter 20-Jährigen in unserer Werteliste nachgeschlagen, wo jeder Wert seinem Typ zugeordnet ist.
Die ersten drei Plätze sind komplett Pink: Loyalität, Treue und Familie. Mit Freude auf Platz 12 kommt noch ein pinker Wert dazu. Orange ist fünfmal dabei, mit Gesundheit, Respekt, Gerechtigkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit. Grün steht mit Freiheit und Selbstverwirklichung zweimal drin, Blau mit Verantwortung einmal.
Spannend finde ich den Vergleich mit allen Befragten. Da liegt vorne mehr Orange, unter den ersten vier stehen Gesundheit, Gerechtigkeit und Zuverlässigkeit. Und Blau kommt in den Top 12 der Gesamtwertung überhaupt nicht vor. Bei den Jüngsten sind alle vier Farben vertreten. Die zwei Werte, die es nur bei ihnen unter die ersten zwölf schaffen, sind Selbstverwirklichung und Verantwortung, ein grüner und ein blauer.
Ich lese das so: Das Herz, also die Beziehungen, trägt diese Altersgruppe. Wer einem 15-Jährigen die Freunde madig macht, trifft ihn an seiner stärksten Stelle. Und gleichzeitig ist da schon der Antrieb zu spüren, eigene Wege zu gehen und für etwas geradezustehen.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Studie hat 32 Werte abgefragt, unsere Werteliste hat über 200, das Farbbild ist also ein Ausschnitt. Und es ist ein Durchschnitt. Der V-Code eines einzelnen Jugendlichen, also seine eigene Mischung aus den vier Farben, kann ganz anders aussehen. Den findet er nur selbst, zum Beispiel mit dem Spiel weiter unten.
Mit Jugendlichen steht und fällt ein Wertespiel mit dem Rahmen, den du am Anfang setzt. Ein paar Minuten Vorbereitung sparen dir später eine Menge Ärger.
Wer nicht mitspielen will, darf zugucken. Das ist eine erlaubte Form der Teilnahme. Sprich die Person nicht an, fordere sie nicht auf, mach es nicht vor der Gruppe zum Thema. Sehr oft steigt jemand, der in der ersten Runde nur zuguckt, in der zweiten von selbst ein. Passiert es beim nächsten Mal wieder, frag nach dem Termin unter vier Augen nach. Meistens steckt da keine Verweigerung dahinter. Oft hat einfach ein Wort etwas getroffen.
Sag vorher in zwei Sätzen, was mit den Ergebnissen passiert. Was jemand aufschreibt, gehört ihm. Du sammelst keine Zettel ein und erzählst nichts weiter, auch nicht den Eltern. Und dann halt dich bitte auch dran. Wer seine Werte zeigen will, darf das. Muss aber niemand.
Das kommt vor, vor allem in Klasse 8 und 9, und meistens sind es zwei oder drei Laute, die den Ton angeben. Argumentier nicht dagegen. Gib der Gruppe einen Grund, der nicht nach Pädagogik klingt. Unsere Anleitung schlägt diesen Satz vor: „Ihr müsst hier nichts fühlen. Ihr trefft nur Entscheidungen.“ Wer danach erzählen will, was er gemerkt hat, kann das tun. Betroffenheit einzufordern funktioniert dagegen so gut wie nie.
Ab 14 kannst du mit allen 52 Karten des Basisspiels spielen. Sag dazu, dass Karten mit unbekannten Wörtern einfach zur Seite gelegt werden dürfen. Wenn jüngere Geschwister oder eine gemischte Gruppe mitspielen, nimm vorher die Wörter raus, die jemand in der Gruppe nicht erklären könnte. Mit Anpassung geht das Basisspiel so ab etwa 10 Jahren.
Jede und jeder spielt für sich. Die Regel lässt sich in einem Satz erklären: Es liegen zwei Karten vor dir, und du entscheidest schnell, welcher Wert dir wichtiger ist. Mehr Erklärung braucht es nicht, den Rest lernen die Jugendlichen beim Spielen.
Die Joker sind bei Jugendlichen besonders wichtig. In unserer Schul-Anleitung steht dazu sinngemäß: Ohne Joker fühlt sich das Spiel für viele an, als hätten sie gerade eine Prüfung vergeigt. Mit dem Joker dürfen sie etwas zurückholen, und das nimmt eine Menge Druck raus.
Wenn jemand bei einem Duell hängt, helfen zwei Fragen aus unserer Anleitung: Welche der beiden Karten bist eher du? Und: Was würde dein bester Freund sagen? Ab der zweiten Runde tut es übrigens weh, weil jetzt nur noch wichtige Werte gegeneinander antreten. Sag das den Jugendlichen ruhig so. An dieser Stelle lernen sie am meisten über sich.
Weitere Spielweisen, etwa zu zweit oder als ganze Schulklasse, stehen in unserem Artikel über die Spielweisen des Wertespiels.
Mit Jugendlichen kurz vor dem Praktikum oder der Ausbildung lohnt eine Variante aus unserer Anleitung zur Berufsorientierung. Berufsorientierung fragt sonst fast immer nach Fähigkeiten und Interessen. Diese Variante stellt eine andere Frage: Was muss in deinem späteren Arbeitstag vorkommen, damit du morgens gerne hingehst? Plan dafür etwa 90 Minuten ein.
Einstieg. Frag die Gruppe: Kennt ihr jemanden, der seinen Job hasst? Was ist da los? Die Antworten sind fast immer Werte, die fehlen, zum Beispiel Respekt oder Anerkennung.
Die Spielrunde. Gespielt wird wie oben, nur die Entscheidungsfrage ändert sich: Welcher der beiden Werte muss in deinem späteren Arbeitstag vorkommen?
Ordnen. Aus den acht Karten wird eine kleine Ordnung, unser Wertekompass auf den Beruf gemünzt. Ganz oben ein Wert, wofür deine Arbeit da sein soll. Darunter drei bis vier, ohne die du dich in keinem Job wohlfühlst. Daneben zwei bis drei, die du mitbringst. Die letzte Gruppe gehört später ins Bewerbungsgespräch. Mehr dazu liest du in Persönliche Werte in der Bewerbung.
Der Praktikums-Check. Jede und jeder schreibt auf: Woran würde ich im Praktikum merken, ob meine Werte dort vorkommen? Diese Frage nehmen die Jugendlichen direkt mit in ihren nächsten Betrieb.
Der Anti-Wert. Zum Schluss sucht jede und jeder im Ablagestapel die eine Karte, bei der klar ist: Wenn das in meinem Job der wichtigste Wert wäre, halte ich es nicht aus. Für die eine ist das Kontrolle, für den anderen Wettbewerb. Dieser Schritt bringt oft mehr als jede Interessensliste, weil er Berufe aussortiert, die auf dem Papier gut aussehen.
Und bitte widersprich nicht, wenn ein Wert unrealistisch klingt. Wenn eine 16-Jährige sagt, Freiheit sei ihr das Wichtigste, ist das eine wertvolle Information über sie.
Ein Wertespiel macht einen Raum auf, in dem Jugendliche mehr von sich zeigen als sonst. Das ist der Sinn der Sache und gleichzeitig eine Verantwortung. Die wichtigste Regel aus unserer Anleitung für Lehrkräfte lautet: Du fragst nach Werten, nicht nach Geschichten.
Welcher Wert dir wichtig ist, ist eine Frage nach einem Wort. Warum dir Sicherheit so wichtig ist, ist eine Frage nach der Biografie. Die erste gehört ins Spiel, die zweite fragst du nicht. Wenn jemand von sich aus etwas erzählt, hörst du zu und bedankst dich.
Manchmal tut ein Wert weh. Jemand zieht Familie oder Vertrauen und wird ganz still. Dann bohr nicht nach und lös nichts vor der Gruppe auf. Frag leise, ob die Person kurz rausgehen möchte. Später kannst du nachgehen, ohne die Karte zum Thema zu machen, etwa mit einem Satz wie: Ich hab gesehen, dass dich vorhin was erwischt hat, ich bin da, wenn du magst. Und wenn du den Eindruck hast, dass mehr dahintersteckt, gib es an jemanden weiter, der dafür da ist. In der Schule ist das die Schulsozialarbeit oder die Beratungslehrkraft, im Verein oder in der Jugendarbeit die Person, die bei euch dafür zuständig ist.
Du musst dabei keine Therapeutin und kein Therapeut sein. Unsere Anleitung hat dafür einen Satz, den ich mir selbst gemerkt habe: „Ich muss nichts lösen. Ich muss nur den Raum halten.“ Die Karten machen die Arbeit.
In der Jugendgruppe oder im Verein spielt jede und jeder für sich, gern zu viert an einem Tisch. Hinterher könnt ihr die Werte anonym an eine Wand hängen und schauen, welche Wörter oft auftauchen. Aus diesen Wörtern kann eine Gruppe dann ihre eigenen Sätze machen, so wie es unsere Schul-Anleitung mit der Klassen-Charta beschreibt.
In der Familie mit Teenagern gilt dieselbe Regel wie überall: Was dein Kind da legt, gehört ihm. Spiel lieber selbst mit und erzähl erst von deinen Werten, wenn dein Kind seine schon genannt hat. Sonst passt es sich an dich an.
Für Jugendliche selbst ist das Basisspiel Das WERTvollste Spiel der Welt der Einstieg. Wenn du regelmäßig mit Gruppen arbeitest, etwa in Schule oder Jugendarbeit, schau dir unser Coaching Set an. Welches Spiel zu welcher Situation passt, zeigt dir Finde das passende Spiel.
Probier's mal aus. Ich wette, nach der Runde wollen ein paar Jugendliche noch weiterreden.
Unser Basisspiel ist ab 14 Jahren gedacht. Mit Anpassung klappt es ab etwa 10, dann sortierst du vorher die Begriffe aus, die für Zehnjährige zu abstrakt sind. Die Variante zur Berufsorientierung empfehlen wir ab 14.
Plan etwa 45 Minuten ein, mit Auswertung eher 60. Rechne mit sehr unterschiedlichem Tempo. Wer schneller fertig ist, kann zu jedem seiner Werte eine Situation aufschreiben, in der er ihn erlebt hat. Die Variante zur Berufsorientierung braucht etwa 90 Minuten.
Lass sie zugucken. Zuschauen ist eine erlaubte Form der Teilnahme, und viele steigen in der zweiten Runde von selbst ein. Mach es nicht vor der Gruppe zum Thema. Wenn jemand mehrfach nicht mitmacht, sprich die Person danach unter vier Augen an.
Mehr zum Thema: Alles zu Wertespiele findest du auf unserer Themenseite.
Geschrieben von Hendrik Martens, Systemischer Business Coach und Erfinder des Valueverse.