Persönliche Werte in der Bewerbung: was wirklich zählt
Persönliche Werte überzeugen in der Bewerbung dann, wenn du sie mit Verhalten belegst. Nenn zwei oder drei Werte, die du wirklich lebst, und erzähl zu jedem eine kurze Situation aus deinem Arbeitsleben. Ein Wort wie „Teamfähigkeit“ ohne Beispiel klingt nach Vorlage, eine echte Situation klingt nach dir.
Fachlich kann man vieles nachlernen. Wie jemand tickt, eher nicht. Deshalb fragen Unternehmen im Vorstellungsgespräch nach Werten, und das hat einen ziemlich nüchternen Grund. Die Studie „Hiring for Attitude“ von Leadership IQ hat über 20.000 Einstellungen ausgewertet. Ergebnis: 89 Prozent der Fehlbesetzungen scheitern an Haltung und Werten, nur 11 Prozent an fehlenden Fachskills. Laut derselben Studie sehen 82 Prozent der Vorgesetzten die Warnsignale schon im Interview, deuten sie aber zu spät.
Für dich heißt das: Wenn die Frage nach deinen Werten kommt, wird geprüft, ob du in sechs Monaten noch gern da sitzt. Und ehrlich gesagt ist das auch deine Frage, ne? Du willst ja auch nicht nach einem halben Jahr merken, dass du in einer Firma gelandet bist, die an allem dreht, was dir wichtig ist.
Als systemischer Coach begleite ich Menschen jetzt schon über zehn Jahre, und am Valueverse-Modell baue ich seit fünf Jahren. Ich bin überzeugt: Viele Menschen glauben, sie kennen ihre Werte. Was sie tatsächlich haben, ist ein diffuses Gefühl. Also greifen sie zu Wörtern, die gut klingen, und wundern sich später, warum der Job nicht passt.
Bevor du irgendwas formulierst, brauchst du Klarheit, welche Werte wirklich deine sind. Unsere Spielanleitung hat dafür eine Prüffrage, die ich super finde. Sinngemäß: Gehört dieser Wert zu dir, oder hast du ihn von Eltern, Partner oder Freunden übernommen? Lebst du ihn schon, oder wärst du bloß gern so? Gerade in der Bewerbung rutschen schnell Wunschwerte rein. „Belastbarkeit“ zum Beispiel. Schreibt jeder. Lebt nicht jeder.
Im Spiel läuft das so: Du gehst 52 Wertekarten durch und entscheidest spontan, welcher Wert für dich zählt. Übrig bleiben 26. Dann vergleichst du immer zwei Karten miteinander, und der wichtigere Wert bleibt. Aus 26 werden 13, plus ein Joker aus dem Ablagestapel sind 14. Noch eine Runde, 7 plus Joker, am Ende bleiben dir 8 Werte. Dein Verstand ist mit links oder rechts beschäftigt, und in dem Moment entscheidet die Intuition. Wer lieber digital startet, kann den digitalen Wertetest machen. Wenn du grundsätzlich noch suchst, lies vorher Welche Werte sind mir wichtig?
In einer unserer Kundenumfragen schrieb jemand, es sei schwierig, sich auf nur wenige Werte festzulegen. Stimmt. Für die Bewerbung brauchst du aber keine acht. Zwei oder drei reichen völlig, und zwar die, zu denen dir sofort eine Geschichte einfällt.
Nimm dir 20 Minuten und einen Zettel. Diese Übung machst du vor dem Gespräch, nicht währenddessen.
Die Frage kommt im Vorstellungsgespräch oft, mal direkt, mal versteckt: „Was ist Ihnen bei einem Arbeitgeber wichtig?“ oder „Wann waren Sie in einem Job richtig unzufrieden?“ Dahinter steckt immer dasselbe. Man will wissen, woran du dich festhältst, wenn es schwierig wird.
Ein Muster, das gut funktioniert: Wert nennen, Bedeutung in einem Satz, Situation, Bezug zur Stelle. Hier ein paar Beispiele, ausgedacht, damit du das Prinzip siehst. Bitte nicht auswendig lernen, sonst klingt es wieder nach Vorlage.
Merkst du was? Jede Antwort endet mit einer Frage an das Unternehmen. Damit machst du aus der Prüfung ein Gespräch, und du sammelst gleich Material für die Frage, ob die Firma zu dir passt.
Noch ein Tipp aus dem Valueverse-Modell. Es gibt Werte, die du brauchst, damit du du selbst sein kannst. Das sind deine Grundwerte, ich sag auch Leitplanken. Und es gibt Werte, die du einsetzt, um etwas zu bewegen, deine Superkräfte. Wenn du in der Antwort einen von jeder Sorte nennst, zeigst du beides: was du mitbringst und was du von deinem Umfeld brauchst. Das ist für beide Seiten hilfreicher als eine Liste toller Eigenschaften.
Manche Unternehmen fragen nicht nur, die lassen dich sortieren. Für so ein Gespräch gibt es unser Deck Value Awareness, eine Kooperation mit der Hamburger Personalberatung ben.partners, mit 100 Wertekarten und eigenen Anleitungen fürs Recruiting. Ich erzähl dir, wie das abläuft, dann bist du nicht überrascht, wenn plötzlich Karten auf dem Tisch liegen.
Zuerst kommt ein schneller Durchgang. Du siehst jede Karte drei bis fünf Sekunden und legst sie auf Ja, Nein oder Neutral. Danach liegen immer zwei Ja-Karten vor dir und du entscheidest, welche wichtiger ist, bis sechs bis acht übrig sind. Dann sortierst du die in zwei Reihen: was ich brauche und was ich mitbringe. Erst danach beginnt das eigentliche Gespräch, mit den Karten als Anker. Fragen wie „Welche Karte war am schwersten loszulassen?“ oder „Welche dieser Werte würdest du vermissen, wenn du zu uns kommst?“
Spannend ist, worauf die Person gegenüber achtet. Die Anleitung sagt klar: Beobachtet wird, wie jemand mit den Werten umgeht, die Werte selbst werden nicht bewertet. Dabei geht es zum Beispiel um diese Punkte:
Und dann gibt es noch einen Gedanken, der mir an dem Format besonders gefällt: Cultural Add. Ein klassisches Interview fragt, ob du zu uns passt. Die wertebasierte Frage geht weiter: Was bringst du mit, das wir noch nicht haben? Wenn ein Unternehmen so denkt, musst du dich nicht verbiegen, um in eine Schablone zu passen. Auf dem Deck steht übrigens der Satz „Play honestly. Otherwise don't play.“ Das gilt für dich auch. Ehrlich und zügig sortieren ist die beste Vorbereitung.
Werte auf der Karriereseite sind schnell geschrieben. Ob sie gelebt werden, merkst du im Gespräch. Die Leitfrage aus unserer Spielanleitung passt hier perfekt: Passen meine Werte zum Berufsbild und zu denen des Unternehmens? Ein paar Fragen, die du stellen kannst:
Die dritte Frage mag ich besonders. In unserer Onboarding-Anleitung steht der Satz: Was nach 30 Tagen besprochen werden kann, ist gestaltbar. Was nach sechs Monaten besprochen wird, ist Konflikt. Wenn eine Firma so ein frühes Gespräch fest eingeplant hat, ist das ein gutes Zeichen. Wie du solche Fragen in deine ganze Laufbahn einbaust, steht im Leitfaden für werteorientierte Karriereplanung.
Wenn du deine acht Werte kennst, hast du deinen V-Code in der Hand, also die Karte, die zeigt, woraus du im Job und überall sonst deine Kraft ziehst. Jeden deiner Werte kannst du einem der vier Wertetypen zuordnen, die ich in Was sind Werte? beschreibe. Diesen Code kannst du neben die Werte eines Arbeitgebers legen. Dafür brauchst du nur die Karriereseite und unsere Werteliste, die verrät dir den Typ jedes Werts.
Stell dir vor, eine Firma nennt Qualität, Zuverlässigkeit, Professionalität und Teamgeist als Unternehmenswerte. Die ersten drei sind laut Werteliste Sicherheit, Teamgeist ist Beziehung. Bei dir liegen Kreativität und Neugier, beide Veränderung, dazu Ehrlichkeit aus der Beziehung und Freiheit aus der Erfüllung. Wo ihr euch trefft, ist schnell gesehen: Beziehung habt ihr beide. Spannender ist der Rest.
Unsere Value-Awareness-Anleitungen fürs Recruiting fragen an der Stelle nach dem Cultural Add, also danach, was jemand mitbringt, das im Team noch fehlt. Dreh die Frage für dich um. Im Beispiel wäre dein Beitrag Veränderung, ein Bereich, der in den Firmenwerten gar nicht vorkommt. Vielleicht brauchen sie dich deshalb. Vielleicht rennst du aber auch jeden Tag gegen lauter Regeln an. Frag im Gespräch ruhig nach, wie viel Raum Neues bekommt, wenn es die Abläufe stört. Und noch was aus der Anleitung: Ein Unternehmenswert, den jemand nicht gewählt hat, ist dort kein Killer-Kriterium, aber eine Frage wert, wie sich das im Alltag zeigen würde. Die Frage kannst du dir genauso stellen. Wie zeigt sich Qualität bei dir, auch wenn sie nicht unter deinen acht ist?
Nicht jede Reibung ist ein Problem. Unterschiede im Team können richtig wertvoll sein. Aufpassen würde ich bei diesen Signalen:
Wenn mehrere dieser Punkte zusammenkommen, hilft dir der Guide für wertebasierte Entscheidungen, die Optionen in Ruhe an deinen Top-Werten zu prüfen. Und wer sich allgemein dafür interessiert, wie Werte im Beruf wirken, findet auf unserer Themenseite Werteorientierung alles an einem Ort.
Zwei bis drei. Mehr kannst du in einem Gespräch nicht glaubwürdig mit Beispielen belegen. Nimm die Werte, zu denen dir sofort eine echte Situation einfällt, und lass die weg, die nur gut klingen.
Ja, wenn du sie mit einem kurzen Beispiel verknüpfst und auf die Stelle beziehst. Ein Satz mit Situation wirkt stärker als eine Aufzählung von Eigenschaften. Im Lebenslauf selbst haben Werte meist keinen eigenen Platz.
Schau genau hin, wo der Unterschied liegt. Ein anderer Wert im Team kann eine Bereicherung sein. Steht aber einer deiner Grundwerte gegen die Kultur, die du im Gespräch erlebst, nimm das ernst. Lieber jetzt eine Absage als in sechs Monaten eine Kündigung.
Mehr zum Thema: Alles zu Werteorientierung findest du auf unserer Themenseite.
Geschrieben von Hendrik Martens, Systemischer Business Coach und Erfinder des Valueverse.