Wenn sich Werte verschieben: Werte in Lebensübergängen

Nach einer Trennung, einem Jobwechsel oder wenn Kinder kommen, rutschen deine Werte oft in eine neue Reihenfolge. Woran du das merkst und wie du deinen Wertekompass vorher und nachher vergleichst.
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Person am Fenster mit Wertekarte und Notizbuch: prüfen, wie sich die eigenen Werte verändern

Ja, deine Werte können sich verschieben, und in Lebensübergängen passiert das besonders oft: nach einer Trennung, bei einem Jobwechsel, wenn ein Kind kommt oder wenn die Kinder ausziehen. Aus meiner Sicht tauchen dabei selten völlig neue Werte auf. Meist ändert sich die Reihenfolge, also welcher Wert bei dir gerade oben liegt. Wenn du deinen Wertekompass von vorher und nachher nebeneinanderlegst, siehst du die Verschiebung schwarz auf weiß.

Warum sich Werte in Übergängen verschieben

Unsere Spielanleitung enthält einen Satz, den viele überlesen: Das Ergebnis ist nur eine Momentaufnahme deines Lebens. Die acht Werte, die am Ende vor dir liegen, zeigen, was dir heute wichtig ist. Wer du vor fünf Jahren warst oder in fünf Jahren sein wirst, steht da nicht drauf.

Im Valueverse-Modell sind die Werte selbst feste Punkte. Freiheit bleibt Freiheit, Sicherheit bleibt Sicherheit, für jeden Menschen an derselben Stelle. Was sich bewegt, ist deine Verbindung zu ihnen. Ein Übergang rüttelt an dieser Verbindung, weil sich der Alltag ändert, an dem deine Werte hängen. Wer allein lebt, spürt Zugehörigkeit anders als in einer Familie mit kleinen Kindern. Wer gerade gekündigt hat, spürt Sicherheit plötzlich ganz körperlich.

Dazu lohnt sich ein Blick in unsere WERTvollste Studie Deutschlands mit 1.000 repräsentativ Befragten. Freiheit steht bei den 20- bis 39-Jährigen auf Platz 5, in der Gruppe der 60- bis 79-Jährigen nur noch auf Platz 10. Wie sich die Altersgruppen insgesamt unterscheiden, habe ich in Wertewandel in Deutschland aufgeschrieben. Wichtig dabei: Die Studie hat verschiedene Menschen in verschiedenen Altersgruppen befragt und nicht dieselben Menschen über Jahre begleitet. Sie zeigt also Unterschiede zwischen Altersgruppen. Wie sich ein einzelner Mensch verändert, kannst nur du für dich herausfinden.

„Hinterfrage aktuell mein ganzes Leben“: Du bist damit nicht allein

In unseren Käuferumfragen gibt es eine Gruppe, die mir besonders auffällt. Rund ein Viertel spielt das Spiel privat für sich, oft allein am Küchentisch, und manche davon stecken mitten in einem Übergang. Karrieremitte mit Sinnfrage, eine neue Beziehung, eine Trennung, eine Neuorientierung. Eine Käuferin hat ihren Grund für den Kauf so beschrieben: „Hinterfrage aktuell mein ganzes Leben, Entscheidungen und Beziehungen.“

Ich finde, der Satz zeigt sehr ehrlich, wie sich so eine Phase anfühlt. Es geht dabei selten um eine einzelne Entscheidung. Alles steht auf einmal zur Debatte. Und dann hilft es enorm, wenn du wenigstens weißt, woran du dich gerade festhalten kannst. In einer Bewertung schreibt jemand über das Spiel: „Nehme ich immer wieder hervor.“ Das ist für mich der richtige Umgang mit Werten in bewegten Zeiten: immer wieder hinschauen.

Woran du merkst, dass sich deine Werte verschieben

Meistens merkst du es zuerst im Bauch, lange bevor du es benennen kannst. Ein paar typische Signale:

  • Alte Entscheidungen fühlen sich falsch an. Der Job, den du vor drei Jahren mit Begeisterung angenommen hast, fühlt sich plötzlich eng an, obwohl sich an der Stelle nichts geändert hat.
  • Du streitest über Kleinigkeiten. Über Termine, über den Abwasch, über Handyzeiten. Darunter liegt oft ein Wertekonflikt, für den noch keiner ein Wort hat.
  • Etwas nervt dich auf einmal nicht mehr. Was du früher am anderen als „unzuverlässig“ abgestempelt hast, kommt dir heute eher spontan und lebendig vor. Auch das ist eine Verschiebung.
  • Ein Wert wird laut. Du denkst ständig an Ruhe, an Freiheit oder an Nähe, ohne genau zu wissen, warum.

Keins dieser Signale ist schlimm. Nimm sie als Hinweis, wo es sich gerade lohnt, genauer hinzusehen.

Dein V-Code als Momentaufnahme

Weiter oben habe ich geschrieben, dass sich in einem Übergang deine Verbindung zu den Werten bewegt. Im Valueverse machen wir diese Verbindung als V-Code sichtbar. Er zeigt, mit welchen Werten du gerade verbunden bist und woraus du im Moment deine Kraft ziehst. Jeden dieser Werte ordnen wir einem von vier Wertetypen zu, und jeder Typ trägt eine Farbe.

In Lebensübergängen wandert das Gewicht oft von einer Farbe zur anderen. Stell dir zum Beispiel jemanden vor, bei dem jahrelang Neugier und Wachstum oben lagen, beides Werte der Veränderung. Dann kommt die Kündigung, und plötzlich meldet sich Stabilität, ein Wert der Sicherheit, und will mitreden. Oder nimm eine Mutter, deren Kinder gerade ausziehen. Lange hat Familie aus dem Bereich Beziehung den Ton angegeben, jetzt klopfen Freiheit und Selbstverwirklichung an, die beide zur Erfüllung gehören. Weg ist dabei keiner der alten Werte. Die Mischung hat sich verschoben, und der Code zeigt dir, in welche Richtung.

Dazu kommt der Schatten. Im Valueverse-Modell hat jeder Wert eine Kehrseite, und in wackeligen Phasen rutscht man leichter rein. Aus Sicherheit kann dann Angst werden, aus Freiheit Bindungslosigkeit. Wenn du merkst, dass dich ein Wert gerade eher eng macht als stark, frag dich mal, welche Seite von ihm du im Moment lebst.

Ich sehe den V-Code deshalb wie ein Foto mit Datum. Deinen aktuellen findest du im kostenlosen Wertetest. Heb das Ergebnis auf und mach den Test nach dem nächsten großen Einschnitt noch mal. Dann legst du beide nebeneinander und siehst, wohin deine Kraft gewandert ist. In der Übung gleich machst du dasselbe mit den Karten.

Übung: Wertekompass vorher und nachher vergleichen

Für diese Übung brauchst du ungefähr eine Stunde, das Wertespiel, einen Stift und Ruhe. Wenn du schon mal gespielt hast und deine Wertekarte noch hast, umso besser.

  1. Hol den alten Kompass raus. Leg die Wertekarte von damals vor dich. Hast du keine, schreib aus dem Gedächtnis auf, was dir vor dem Übergang am wichtigsten war. Das ist ungenauer, reicht aber für den Vergleich.
  2. Spiel neu, ohne auf den alten zu schauen. Leg die alte Karte umgedreht weg. Geh die 52 Karten durch und entscheide aus dem Bauch, bis 26 übrig sind. Dann immer zwei Karten nebeneinander, die wichtigere bleibt: 13 plus ein Joker sind 14, dann 7 plus Joker, am Ende hast du 8.
  3. Bau deinen neuen Kompass. Welcher Wert ist dein Lebenswert, der immer wieder auftaucht? Welche sind deine Superkräfte, mit denen du Dinge bewegst? Welche sind deine Grundwerte, ohne die nichts geht?
  4. Leg beide nebeneinander. Was ist geblieben, was ist neu dazugekommen? Und dann die wichtigste Frage beim Vergleich: Welcher Wert hat die Rolle gewechselt, zum Beispiel vom Grundwert zur Superkraft?
  5. Schau auf die Farben. Orange steht für Ordnung und Sicherheit, Pink für Beziehung und Gemeinschaft, Blau für Veränderung und Entwicklung, Grün für Erfüllung und Freiheit. Hat sich das Gewicht verschoben, etwa von Orange zu Blau?
  6. Frag jeden neuen Wert, wo er angeklopft hat. Nimm dir die Karte, die neu dazugekommen ist, und schreib eine Situation aus den letzten Wochen auf, in der dieser Wert sich gemeldet hat. Ob du danach gehandelt hast, spielt keine Rolle.
  7. Datum drauf. Schreib das Datum auf deine neue Wertekarte und leg sie zur alten. Beim nächsten großen Einschnitt, spätestens in einem Jahr, spielst du wieder.

Stell dir als Beispiel vor, bei jemandem lag vor der Elternzeit Erfolg als Superkraft oben, und nach der Elternzeit sitzt Familie im Lebenswert und Erfolg ist rausgefallen. Das heißt nicht, dass Erfolg plötzlich egal ist. Es heißt, dass er gerade einen anderen Platz hat, und dass du deinen Alltag vielleicht neu sortieren darfst. Wie du so eine Erkenntnis in kleine Schritte übersetzt, steht in Werte im Alltag leben.

Mit Partnerin, Partner oder Familie darüber sprechen

Ein Übergang betrifft selten nur dich. Wenn sich bei dir die Gewichtung verschiebt, spürt das dein Umfeld, oft bevor du selbst etwas sagst. Es lohnt sich, das auf den Tisch zu bringen, im wörtlichen Sinn.

So geht ihr vor, angelehnt an unsere Anleitung für Paare und Familien:

  • Getrennt wählen. Jeder legt für sich fünf bis sechs Werte. Sitzt so, dass keiner beim anderen mitguckt, sonst landen die Karten auf dem Tisch, die gefallen sollen.
  • Reihen übereinander. Jeder legt seine Werte als Reihe, und die beiden Reihen kommen untereinander. Dann wirkt das Ganze wie eine gemeinsame Landkarte und weniger wie ein Kräftemessen.
  • Mit der Schnittmenge anfangen. Welche Werte liegen bei euch beiden? Wann habt ihr die zuletzt zusammen gelebt? Das ist euer Boden.
  • Nachfragen vor Verhandeln. Zu jeder Karte, die nur einer gelegt hat, erzählt diese Person eine Situation aus ihrem Leben.

Wenn sich zwei Werte beißen, etwa Freiheit bei dir und Mitgefühl bei ihr, hilft ein Kombiwert. Aus beiden wird mitfühlende Freiheit, oder andersrum freies Mitgefühl. Sagt beide Varianten laut, meistens fühlt sich eine davon sofort stimmiger an. Mit Kindern ab etwa zehn Jahren klappt das auch, nehmt dann weniger Karten und lasst die Kinder zuerst legen. Mehr dazu findest du in Wertearbeit für Paare.

Wann ein Coach sinnvoll ist

Vieles kannst du mit dem Spiel und einem ehrlichen Gesprächspartner selbst klären. Nach über zehn Jahren im Coaching sage ich dir trotzdem offen: Manchmal reicht das nicht. Ein Coach kann sinnvoll sein, wenn du dich im Kreis drehst und seit Wochen dieselben Fragen wälzt. Oder wenn eine große Entscheidung ansteht, etwa Kündigung oder Umzug, und deine Werte sich gegenseitig blockieren.

Und dann gibt es Menschen, die ihre Werte kennen und sie trotzdem im Alltag nicht leben. Für sie haben wir die Superheldenreise gebaut. Sie setzt nach dem Wertespiel an und begleitet dich dabei, deine Werte Schritt für Schritt ins Leben zu bringen.

Und eine Grenze ist mir wichtig: Coaching ist keine Therapie. Wenn ein Übergang dich so belastet, dass du nachts nicht mehr schläfst oder nicht mehr aus dem Tief rauskommst, dann such dir bitte ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe. Wertearbeit kann so eine Begleitung ergänzen, ersetzen kann sie sie nicht.

Wenn du bei wichtigen Weichen in so einer Phase Hilfe brauchst, schau in den Guide für wertebasierte Entscheidungen. Alle Artikel rund um das Thema findest du auf unserer Themenseite Wertebewusstsein.

Häufige Fragen

Können sich persönliche Werte im Laufe des Lebens ändern?

Ja. Meist verschiebt sich die Gewichtung: Ein Wert rückt nach oben, ein anderer tritt zurück. Deshalb ist jedes Ergebnis aus dem Wertespiel eine Momentaufnahme, und es lohnt sich, in Übergängen neu zu spielen.

Wie oft sollte ich meine Werte neu bestimmen?

Immer dann, wenn sich in deinem Leben etwas Großes bewegt, und sonst ruhig einmal im Jahr. Heb deine alten Wertekarten mit Datum auf, dann kannst du die Entwicklung vergleichen.

Was tun, wenn meine Werte nicht mehr zu meiner Beziehung passen?

Erst mal reden, bevor du Schlüsse ziehst. Spielt getrennt, legt eure Werte untereinander und fangt mit dem an, was euch verbindet. Unterschiede lassen sich oft mit einem Kombiwert oder einer konkreten Vereinbarung auflösen. Wenn ihr allein nicht weiterkommt, holt euch Begleitung dazu.

Mehr zum Thema: Alles zu Wertebewusstsein findest du auf unserer Themenseite.

Geschrieben von Hendrik Martens, Systemischer Business Coach und Erfinder des Valueverse.